Verfasst von: tommasinifire in: 9. Dezember 2009
Schweinegrippe-Viren schädigen vor allem Tracheal- und Bronchialzellen.H1N1 dringe aber bis tief in die Lunge vor, berichten Wissenschaftler der „National Health Institutes“ (NHI) und der „Chief Medical Examiner“ (CME) der Stadt New York.
Das Team unter Leitung von James R. Gill (CME) und Professor Jeffery K. Taubenberger hat die Autopsiebefunde von 34 Personen ausgewertet, die im Zusammenhang mit einer H1N1-Infektion gestorben waren. Außer viralen Zellschäden im gesamten Respirationstrakt hatten mehr als die Hälfte der Gestorbenen Hinweise für bakterielle Sekundärinfektionen.
„Bei tödlichen Verläufen ähneln die pulmonalen Schäden durch das Schweinegrippe-Virus den Schäden, die während früherer Influenza-Pandemien gesehen wurden“, sagte Professor
Anthony S. Fauci, Direktor des Nationalen Institutes für Infektiologie. Zwei der Gestorbenen waren Kinder, fast zwei Drittel zwischen 25 und 49 Jahre alt. 91 Prozent von ihnen hatten eine chronische Grunderkrankung (KHK, Asthma…). Über 70 Prozent waren übergewichtig. Aus früheren Studien ist bereits bekannt, dass Übergewicht das Risiko für einen tödlichen Verlauf erhöht.
Link: Archives of Pathology & Laboratory Medicine
Sihe auch „Hippokranet“
Verfasst von: tommasinifire in: 9. Dezember 2009
Es gebe keine klaren Belege dafür, dass Tamiflu Grippe-Komplikationen wie Pneumonien verhindere, meinen mehrere britische Experten im “British Medical Journal”, die sich die aktuellen Studiendaten angeschaut haben. Das Unternehmen Roche, Hersteller des Neuraminidasehemmers, widerspricht dieser Schlussfolgerung und verweist auf die seiner Ansicht nach gute Datenlage. Laut Fiona Godlee, Chefredakteurin des „BMJ” zeige die aktuelle Datenauswertung aber, dass noch viele Fragen zur Wirksamkeit von Tamiflu unbeantwortet seien. Weltweit hätten Regierungen Milliarden von Pfund für die Anschaffung eines Arzneimittels ausgegeben, dessen Nutzen für Experten unklar sei.
Die neue, jetzt online publizierte Analyse ist ein „update“ einer Cochrane-Studienauswertung von 2006. Allerdings haben die Autoren der aktuellen Analyse 8 Studien der ersten Auswertung nicht berücksichtigt. Die Begründung: Die Daten konnten nicht verifiziert werden, sie seien nicht vollständig genug und auch nicht ausreichend transparent. Es sei daher unklar, ob Tamiflu wirklich Grippe-Komplikationen verhindert. Limitiert sei darüber hinaus die Datenlage zu schweren Nebenwirkungen unter Tamiflu. Sicher sei nur, dass es die Krankheitsdauer um etwa einen Tag reduziere und die Symptome etwas mildere. Der Neuraminidasehemmer sollte daher nicht routinemäßig bei saisonaler Grippe verwendet werden. Ob die Schlussfolgerungen zur saisonalen Influenza auch für die aktuelle pandemische Influenza zuträfen, könne derzeit nicht gesagt werden. Auf jeden Fall seien unabhängige Studien zu Tamiflu erforderlich.
Für Dr. David Reddy, Chef der Pandemie-Taskforce von Roche, ist die Ausklammerung von 8 Studien ein Fehler. Roche hätte allen Wissenschaftlern die kompletten Daten dieser Studien geliefert, wenn die Wissenschaftler schriftlich erklärt hätten, die Daten vertraulich zu behandeln.
Laut James Smith, Medizin-Chef bei Roche, habe das Unternehmen in den vergangenen Wochen stets alle vom BMJ und von Journalisten des TV-Nachrichtensenders „Channel 4 News“ gestellten Fragen zu Tamiflu beantwortet und alle dem Unternehmen selbst vorliegenden Daten geliefert. Diese Informationen ließen eigentlich keine Zweifel mehr zu an der Seriösität und Integrität der Daten und des Umgangs damit. Dass das von Dr. Tom Jefferson, einem bekannten Tamiflu-Kritiker, geleitete britische Team sich nicht selbst an Roche gewendet, sondern den Weg über Medien gewählt habe, werfe die Frage auf, ob es den britischen Experten wirklich um seriöse wissenschaftliche Klarheit ging.
Link: BMJ
Siehe auch „Hippokranet“
Verfasst von: tommasinifire in: 8. Dezember 2009
Wer mehrfach eine Grippe durchgemacht hat oder häufiger gegen Influenza geimpft wurde, ist teilweise vor der Schweinegrippe geschützt. US-Forscher haben herausgefunden, dass das Immunsystem Bestandteile des aktuellen H1N1-Virus erkennt, die dieses gemeinsam mit früheren Influenza-Stämmen hat. Dies biete einen gewissen Schutz vor H1N1, so dass möglicherweise die Schweinegrippe insgesamt nicht so schwer verlaufe wie ursprünglich angenommen, sagte Professor Alessandro Sette, Direktor des Zentrums für Infektionskrankheiten am „La Jolla Institute“ in Kalifornien.
Die in den “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) publizierte Studie erkläre möglicherweise, warum die Schweinegrippe bei älteren Menschen meist weniger schwer verlaufe wie bei jüngeren Menschen, meinte Professor Allison Deckhut-Augustine vom „National Institute of Allergy and Infectious Diseases“. „Erwachsene haben wohl einen gewissen Schutz vor H1N1. Trotzdem können ältere Menschen an der Schweinegrippe erkranken. Sie sollten sich auf jeden Fall impfen lassen“, sagte er der Nachrichtenagentur „Reuters“.
Link: PNAS
Verfasst von: tommasinifire in: 8. Dezember 2009
Selbst im schlimmsten Falle wird es nach statistischen Analysen infolge der Schweinegrippe wahrscheinlich nur wenig mehr Tote geben als bei der saisonalen Influenza, berichtet ein internationales Forscherteam. Als Grundlage für ihre Berechnungen haben die Wissenschaftler die Daten von Milwaukee und New York verwendet. Die Studie ist heute in „PLoS Medicine“ veröffentlicht worden.
Anne M. Presanis aus Cambridge in Großbritannien und ihre Kollegen haben berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient mit symptomatischer H1N1-Infektion ins Krankenhaus kommt (A), auf einer Intensivstation versorgt werden muss (B) oder stirbt (C). Ausgehend von medizinisch bestätigten Infektionen des Zeitraums April bis Juli ergaben die Berechnungen folgende Wahrscheinlichkeiten:
A: 1,44 Prozent,
B: 0,24 Prozent und
C: knapp 0,05 Prozent.
Diese Werte bedeuten, dass im Winter erhebliche Belastungen auf die Kliniken zukommen könnten, schreiben die Autoren. Allerdings sei ein Sterberisiko von 1 zu 2000 immer noch niedriger als jenes von bis zu 0,1 Prozent, das zur Pandemie-Planung verwendet worden sei. Außerdem: Dienten als Grundlage der Berechnungen nur vermutete H1N1-Erkrankungen (Telefonumfrage bei Patienten) waren die Werte für A, B und C sogar noch niedriger – und zwar um einen Faktor von 7 bis 9.
Link: PLoS Medicine
Siehe auch „Hippokranet“
Verfasst von: tommasinifire in: 7. Dezember 2009
Der direkte Thrombinhemmer Dabigatran (Pradaxa®) ist in der Therapie venöser Thromboembolien ebenso wirksam wie Warfarin. Ergeben hat das die RE-COVER-Studie, deren Ergebnisse jetzt beim Treffen der “US-Gesellschaft für Hämatologie” vorgestellt worden und zeitgleich im “New England Journal of Medicine” (online) veröffentlicht worden sind.
An der von Professor Sam Schulman in New Orleans präsentierten Studie nahmen 2539 Patienten mit akuter Thromboembolie teil. Sie erhielten sechs Monate lang entweder Warfarin (INR 2,0 bis 3,0) oder Dabigatran (150 mg, zweimal täglich).
Nach sechs Monaten betrug die Rate an Reembolien in der Dabigatran-Gruppe mit 1274 Patienten 2,4 %, in der Warfarin-Gruppe mit 1265 Patienten 2,2 %. Der direkte Thrombinhemmer von Boehringer Ingelheim war dem Warfarin also nicht unterlegen. Schwere Blutungen traten unter Dabigatran bei 20 (1,6%) und unter Warfarin bei 24 Patienten (1,9%) auf. Es gab keine signifikanten Unterschiede bei der Sterberate, der Häufigkeit eines akuten Koronarsyndroms oder bei den Leberwerten. Allerdings war die Abbruch-Rate unter Dabigatran mit 9,0 im Vergleich zu 6,8% etwas höher. Außerdem klagten mehr Patienten über eine Dyspepsie (2,9% versus 0,6%).
Zur Erinnerung: Auch der direkte Thrombinhemmer Ximelagatran hatte sich in der Therapie bei Thromboembolien als gleichwertig zu Warfarin erwiesen. Im Gegensatz zu Dabigatran hatte Ximelagatran jedoch erhebliche Nebenwirkungen auf die Leber.
Dabigatran sorgt seit der Veröffentlichung der RE-LY-Studie im August dieses Jahres für viele Diskussionen unter Kardiologen. Diese Studie mit über 18 000 Patienten hatte ergeben, dass Dabigatran in der Prävention von Schlaganfällen und systemischen Embolien dem Goldstandard Warfarin eindeutig überlegen ist und dies nicht mit einer höheren Rate an hämorrhagischen Schlaganfällen bezahlt wird. Manche Kardiologen waren bei der Studienpräsentation auf dem Europäischen Kardiologenkongress von den Ergebnissen so beeindruckt, dass sie sogar von einem Paradigmenwechsel in der gerinnungshemmenden Therapie sprachen.
Link: NEJM
Verfasst von: tommasinifire in: 6. Dezember 2009

Dass die Pharmaindustrie immer weniger innovativ sei, ist so eine Behauptung, an deren Richtigkeit mit Ausnahme der forschenden Arzneimittelindustrie fast niemand zweifelt. Aber trifft diese Behauptung wirklich zu? Die Zahl neuer Substanzen (new molecular entities), die von der FDA zugelassen werden, ist tatsächlich nicht nur niedrig. Und trotz massiver Investitionen von derzeit rund 50 Milliarden US-Dollar jährlich sei die Zahl der zugelassenen neuen Medikamente heute nicht größer als vor 50 Jahren, berichtet Bernhard Munos, Strategieberater von Lilly, in der Zeitschrift „Nature Reviews Drug Discovery“. Die bisherigen Forschungsstrategien seien daher unbedingt zu überdenken und zu ändern.
Viele Player, wenige Gewinner
Mehr als 4300 Firmen sind auf der Suche nach innovativen Substanzen, aber nur 6 Prozent (261) haben es seit 1950 geschafft, wenigstens ein Präparat bis zur Marktzulassung zu entwickeln. 105 der 261 Unternehmen existieren heute noch, nur 32 gibt es seit 1950. Die Hälfte aller seit 1950 zugelassenen neuen Substanzen kommt von 21 Unternehmen, wobei von diesen 21 Firmen nur noch jede zweite Firma existiert. Der produktivste Arzneimittelhersteller ist mit 56 Zulassungen MSD, knapp dahinter liegen Lilly und Roche mit 51 und 50 Zulassungen. Fast am Ende der Fahnenstange befinden sich übrigens Bayer und Novartis mit nicht einmal 20 Zulassungen. Aber kein Unternehmen hat es jemals geschafft, pro Jahr jene 2 oder 3 neuen Arzneimittel auf den Markt zu bringen, die notwendig wären, um die selbstgesteckten Wachstumsziele zu erreichen. Nur 0,003 bis 0,06 Prozent betrage die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen mehr als 2 oder 3 innovative Substanzen pro Jahr auf den Markt bringe. Und nur bei knapp 21 Prozent liege die Chance, dass aus einer innovativen Substanz ein „Blockbuster“ werde. Wenn sich dies nicht ändere, bestehe keine große Hoffnung, dass die Unternehmen die Umsätze erzielen werden, die sie nach eigenen Angaben zum Überleben benötigten, sagt Munos.
„Big“ ist vielleicht „beautiful“, aber …
Erstaunlich ist nach seinen Angaben, dass die Unternehmen trotz gleicher oder ähnlicher Strategien ganz unterschiedlich erfolgreich sind. Bemerkenswert sei etwa, dass Unternehmen, die auf M&A gesetzt hätten, eher weniger erfolgreich seien. M&A scheint also keine besonders sinnvoller Weg zu sein, um eine „innovative Kultur“ zu fördern oder Defizite auszugleichen. Auch „Größe“ ist laut Munos keine Erfolgsgarantie: Kleine Firmen hätten die „Großen“ inzwischen zum Teil sogar überholt. Seit 1995 sei der jährliche „output“ an neuen Substanzen bei den kleinen Unternehmen von 0,04 auf 0,12 gestiegen, bei den „Großen“ dagegen gesunken. Ein Grund für den Erfolg der kleinen Unternehmen sei ihre stark gestiegene Zahl und ihre im Vergleich zu großen Unternehmen höhere „Flexibilität“.
Viel „input“, wenig „output“
Im Gegensatz zum geringen „output“ an neuen Substanzen sind die Kosten für die Entwicklung enorm hoch. Nach Schätzungen betrugen sie im Jahre 2000 für die Entwicklung bis zur Zulassung bei den so genannten „small molecules“ rund 800 Millionen US-Dollar, bei den Biologicals seien es im Jahre 2005 sogar mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar gewesen: Die Investitionen für Postmarketing-Phase-IV-Studien und Zulassungen außerhalb der USA sind hier noch nicht berücksichtigt. Auch bei den Forschungs- und Entwicklungskosten gibt es laut Munos erhebliche Unterschiede zwischen den Unternehmen. Pfizer etwa habe zwischen 2000 und 2008 rund 60 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung gesteckt und für neun neue Substanzen die FDA-Zulassung erhalten. Pro Substanz sind dies Kosten in Höhe von knapp 6,7 Milliarden US-Dollar. Progenics (Wyeth) hingegen habe in die Entwicklung des peripheren, 2008 zugelassenen Opiatantagonisten Methylnaltrexon (Relistor®) nur 400 Millionen US-Dollar investiert.
Verschärfte Anforderungen der Regulierungsbehörden seien übrigens keine Erklärung für diese Entwicklung, erklärt der Lilliy-Stratege. Im Gegenteil: Strengere Anforderungen oder Auflagen hätten „Innovationen“ sogar gefördert.
Mehr Offenheit, weniger Bunkermentalität
Nach Ansicht von Munos muss die pharmazeutische Industrie ihre bisherigen Strategien bei der Suche und Entwicklung neuer Wirkstoffe radikal ändern. Zu überdenken seien zum Beispiel die starke Fokussierung auf die extrem riskante und immer erfolglosere Entwicklung von „Blockbustern“ und auch die relativ abgeschottete Forschung innerhalb der eigenen Mauern – statt etwa intelligenter Kooperationen mit innovativen und kreativen Institutionen außerhalb des eigenen Unternehmens.
Verfasst von: tommasinifire in: 4. Dezember 2009
Die US-Amerikaner rauchen zwar immer weniger. Dafür schlemmen sie umso mehr und werden immer fetter. Was ja auch nicht so gut sein soll für Herz und Hirn, von sekundären ästhetischen Aspekten mal ganz abgesehen. Was lernen wir daraus? Irgendwie ist homo sapiens doch kein animal rationale.
Was ein Glück, oder? Leider ist zu befürchten, dass die genussfeindlichen Puritaner in den USA demnächst das Essen an öffentlichen Plätzen etc. verbieten.
Link: NEJM
Verfasst von: tommasinifire in: 4. Dezember 2009
Bei vielen schweren Erkrankungen, deren Ursachen unbekannt sind, gibt es fast immer eine herrschende Theorie zur Krankheitsentstehung. Und dann gibt es meist noch Hypothesen, die nur von wenigen geteilt, von ihren Anhängern aber umso energischer verfochten werden. Manchmal, oft erst nach vielen Jahren, stellt sich dann heraus, dass die Minderheit im Recht, die Mehrheit im Unrecht war.
Die Multiple Sklerose ist eine solche schwere Erkrankung. Favorisierte und auch vielfach belegte Lehrmeinung ist ganz allgemein, dass immunologische und entzündliche Prozesse wesentlich an der Krankheitsentstehung beteiligt sind. Diskutiert werden zudem genetische und auch Umweltfaktoren.
Seit wenigen Monaten sorgt nun zunehmend, vor allem in Kanada und in den USA, eine Theorie für Diskussionen, in der Vermutungen aufleben, die schon ein paar Jahrzehnte alt sind, für die es aber neue wissenschaftliche Argumente gibt. Die Rede ist von einer vaskulären Genese der MS, genauer formuliert von einer venösen Insuffizienz als der eigentlichen Ursache der ZNS-Erkrankung.
Ausgelöst hat die aktuellen Diskussionen eine im Juni veröffentliche Studie des italienischen Wissenschaftlers Professor Paulo Zamboni von der Universität von Ferrara (J Neurol Neurosurg Psychiatry 2009; 80:392-399). Untersucht wurden in dieser Studie 65 Patienten mit unterschiedlichen MS-Verläufen im Vergleich zu 235 Menschen, die gesund waren bzw. andere neurologische Erkrankungen hatten. Dabei wurden sonografische Methoden verwendet, um Störungen im Blutabfluss aus dem Gehirn durch eine Blockierung der Venen herauszufinden. Bei den MS-Kranken fanden die italienischen Forscher einen starken Zusammenhang zwischen MS und Anzeichen einer venösen Insuffizienz, nicht dagegen bei den Personen der Vergleichsgruppe. Darüber hinaus gab es bei den MS-Patienten Hinweise darauf, dass das Blut einen Umweg über kleinere Gefäße sucht, um die Verengungen zu umgehen. Dabei wurde auch ein Rückfluss des Blutes in das Gehirn gefunden.
Die Geschichte begann vor rund 30 Jahren
Die Forscher nennen diese Blockierung der Venen „chronische cerebrospinale venöse Insuffizienz“ (CCSVI) und vermuten, dass der Rückfluss von Blut in das Gehirn die für die MS typischen Entzündungen und die immunbasierte Zerstörung des Myelingewebes auslöst. Der Gedanke, dass Probleme bei der Blutzirkulation mit der MS in Zusammenhang stehen, ist nicht neu. Begonnen hat die Geschichte vor mehr als 30 Jahren mit der Forschung des österreichischen Arztes Dr. F. Alfons Schelling von der Universität von Innsbruck, der darüber 1978 auch im „Anatomischen Anzeiger“ berichtete. Der Ansatz wurde jedoch vermutlich nicht weiter verfolgt, da immer mehr Beweise dafür gefunden wurden, dass Angriffe des Immunsystems und Entzündungsvorgänge die Schlüsselrolle bei der Zerstörung des Nervengewebes spielen.
Hohe Eisenwerte und eine MS-kranke Ehefrau
Zamboni selbst ist ein ehemaliger Gefäßchirurg der Universität von Ferrara, der vor rund einem Jahrzehnt begann, sich intensiver mit der Multiplen Sklerose und ihren möglichen Ursachen zu befassen. Auslöser war die MS-Diagnose bei seiner damals 51jährigen Frau Elena. Bei seinen Recherchen fiel Zamboni auf, dass einige Wissenschaftler in den Gehirnen von MS-Patienten auffallend hohe Eisen-Werte gefunden hatten und zwar meist in der unmittelbaren Umgebung zerebraler Venen. Mit diesem Phänomen hatte sich bis dahin niemand intensiv beschäftigt. Man ging davon aus, dass die Eisenablagerungen eine Folge der MS seien. Mit dieser Theorie gab sich Zamboni jedoch nicht zufrieden. Als Gefäßchirurg fragte er sich, ob die Eisenablagerung nicht etwas mit den zerebralen Gefäßen zu tun haben könnten. Doppler-sonografisch stellte er dann auch fest, dass es bei fast allen vom ihm untersuchten MS-Kranken eine insuffiziente venöse Drainage gab, zum Beispiel durch Stenosen. Bei gesunden Menschen und Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen als MS waren seine Ultraschall-Befunde dagegen unauffällig. Ausgehend von diesen Befunden stellte Zamboni die These auf, dass infolge des unzureichenden venösen Abflusses das Blut und damit auch das Eisen aus den Gefäßen in das Gewebe, und zwar in die graue Substanz „gepresst“ und dort die MS-typischen Schäden verursachen würden. Denn „Eisen“, erklärt Zamboni, „ist sehr gefährlich, es produziert Freie Radikale, die die Zellen zerstören“. Mit dieser These war natürlich für Zamboni klar, dass die Therapie darin bestehen müsste, die Eisen-Akkumulation zu verhindern. Den vaskulären Befund bezeichnete er als „chronisch cerebrospinale venöse Insuffizienz“ (CCSVI) und begann, die ersten Arbeiten darüber zu publizieren und seine Forschung fortzusetzen. Dabei fand er unter anderem bald heraus, dass die Schwere der MS-Erkrankung mit dem Ausmaß der venösen Insuffizenz zusammenhängt: Je mehr Venen „blockiert“ waren, desto schwer waren auch die Symptome. Wie es zu den venösen „Blockaden“ kommt, weiß Zamboni nicht. Er vermutet, dass es angeborene Fehlbildungen sind.
Immer mehr Studien
Was aber hielt die Fachwelt damals von Zambonis These? Die meisten Neurologen lehnten sie ab – mit einer Ausnahme: der MS-Spezialist Dr. Fabrizio Salvi von der Universität von Bologna fand Zambonis Überlegungen sehr interessant und überwies ihm MS-Patienten zur Ultraschall-Untersuchung. Die Bildbefunde waren für Salvi „unwiderlegbar“. In einem nächsten Schritt entwickelte Zamboni dann gemeinsam mit dem Gefäßchirurgen Dr. Roberto Galeotti eine endovaskuläre Therapie so ähnlich wie die Ballon-Dilatation von stenosierten Arterien und bezeichnete die Methode als „Liberation“-Therapie. Ergebnisse einer 18monatigen Pilotstudie bei 65 MS-Kranken mit diesem Verfahren sind gerade im „Journal of Vascular Surgery“ publiziert worden: Der Anteil der Patienten ohne MS-Schübe stieg von 27 auf 50 Prozent, der Prozentsatz von Patienten ohne MS-typische Läsionen war in der Therapiegruppe mit 12 versus 50 Prozent signifikant niedriger als in der Vergleichsgruppe, die Lebensqualität der Patienten nahm zu. Wenn es jedoch zu einer Restenose der Venen kam, traten auch wieder Symptome auf.
Noch nicht abgeschlossen ist auch eine weitere klinische Studie mit 16 MS-Patienten, die Zamboni gemeinsamt mit seinem US-amerikanischen Kollegen Dr. Robert Zivadinov von der Universität von Buffalo in New York macht. Die endgültigen Ergebnisse dieser Therapie-Studie sollen im Januar des nächsten Jahres publiziert werden. Vorläufige, nach Einschätzung der Autoren ermutigende Daten sind bereits Anfang September auf einem internationalen Multiple-Sklerose-Kongress (ECTRIMS) in Düsseldorf vorgestellt worden. Zivadinov, Direktor des „Buffalo Neuroimaging Analysis Center“ (BNAC) hat inzwischen auch mit einer Studie begonnen, in die er 1600 Erwachsene und auch 100 Kinder, 50 davon mit MS, aufnehmen will. Untersuchen will er mit Ultraschall und Kernspintomografie, ob MS-Patienten und auch ihre Angehörigen eine CCSVI haben.
Auch der US-Physiker Professor Mark Haake aus Detroit will die These von Zamboni in einer großen Multizenterstudie prüfen und sucht dafür die Zusammenarbeit mit Kollegen und Zentren in der ganzen Welt. Haake hat selbst in kernspintomografischen Untersuchungen bei MS-Kranken immer wieder auffällige Eisenablagerungen festgestellt, so dass er die Überlegungen von Zamboni für ausgesprochen interessant hält.
Noch viele ungeklärte Fragen, aber…
Nach anfänglich überwiegender Skepsis haben vor wenigen Tagen die US-amerikanische und die kanadische Gesellschaft für Multiple Sklerose gemeinsam Wissenschaftler aufgefordert, die These von Zamboni zu prüfen. Denn der Ansatz des italienischen Gefäßchirurgen sei so interessant, dass es sinnvoll, aber auch notwendig sei, die vielen noch unbeantworteten Fragen zu klären. Gleichwohl warnen die Gesellschaften vor übetriebenen Erwartungen und weisen darauf hin, dass es sich noch um eine These handelt und vor allem um eine Therapie, deren Wirksamkeit noch nicht ausreichend belegt ist. Auch die Deutsche Gesellschaft für Multiple Sklerose hält viele Fragen noch für unbeantwortet. So heißt es in einem kommentierenden Fazit zu Zambonis im Juni publizierten Studie, „dass „noch keine Schlussfolgerungen hinsichtlich der Ursache von MS gezogen werden können – und auch nicht dazu, wann diese Blockierungen im Verlauf der Erkrankung entstanden sein könnten. Es gibt derzeit noch keine erprobte Therapie, um möglicherweise beobachtete Störungen zu beheben und es ist noch nicht klar, ob eine Auflösung der venösen Blockierung von Nutzen sein könnte“.
Zamboni selbst gibt sich durchaus zurückhaltend: Seine Therapie werde keinen MS-Kranken, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, wieder gehfähig machen. Aber vielleicht, so seine Hoffnung, bremst sie die Progression der Erkrankung. Die ersten Ergebnisse seien ermutigend, sagt auch Fabio Roversi-Monaco, Präsident der „Hilarescere Foundation“, die Zambonis Forschung finanziell unterstützt. Aber natürlich könnte der Erfolg der Therapie nicht garantiert werden.
Übrigens: Selbstverständlich hat Zamboni auch seine Frau Elena operiert. Sie gehörte vor drei Jahren sogar zu den ersten Patienten, die er nach seiner Methode behandelte. Seitdem soll sie keine Symptome mehr haben.
Links:
DMSG
Journal of Vascular Surgery
J Neurol Neurosurg Psychiatry
CCSVI
CTV-News
Verfasst von: tommasinifire in: 4. Dezember 2009

Wahre Wissenschaft ist doch etwas was Wunderschönes. Vor allem, wenn sie so richtig Bahnbrechendes zu Tage fördert und zugleich so richtig lebensnah ist. Und wenn man dann auch noch als Wissenschaftler dafür bezahlt wir, dass man die Menschheit im Allgemeinen und die Kollegen im Besondern am eigenen Wissen teilhaben lässt, dann dann kann man nur noch glücklich sein. Glücklich fühlen sich jene Bochumer Kardiologen sicher, die es doch tatsächlich geschafft haben, in der renommierten Zeitschrift „Kardiologe“ eine Studie mit erstaunlichen Ergebnissen untergebracht zu haben. Dr. Martin Christ und seine Kollege Professor Hans-Joachim Trappe haben nämlich bei fünf gesunden jungen Frauen und Männern untersucht, wie sich der Besuch einer Kirmes-Veranstaltung mit so attraktiven Vergnügungen wie Karussell- und Achterbahnfahren auf das EKG auswirkt. Selbstverständlich wurden Langzeit-EkGs gemacht.
Das erstaunliche Resultat: „Es konnte gezeigt werden, dass der Besuch moderner Fahrgeschäfte reproduzierbar im Vergleich zur Ruheherzfrequenz von 78–90/min zu einem signifikanten Anstieg der Herzfrequenz auf 135–157/min führte, der sich innerhalb von 10 min nach Belastungsende bei jungen Probanden normalisierte. Supraventrikuläre oder ventrikuläre Tachyarrhythmien traten bei keiner Testperson auf.“
Potzblitz, das hätte wohl kaum jemand erwartet. Nicht weniger überraschend sind so einige andere Erkenntnisse, die der Leser erfahren darf. Nur zwei Beispiele seien genannt:
„Bei allen Probanden kam es innerhalb von wenigen Minuten nach Ende der Fahrten zu einer Normalisierung der Herzfrequenz auf den Ausgangswert.“
„Es ist der „Kick“, den die Besucher von Kirmessen und Jahrmärkten auf modernen Fahrgeschäften suchen, ein als positiv empfundener physischer und psychischer
Stress.“
Und die Schlussfolgerung und Empfehlung für die Praxis? Man sollte seine herzkranken Patienten „konsequent über die Risiken des Besuchs moderner Fahrgeschäfte“ aufklären!
Link: Der Kardiologe
Verfasst von: tommasinifire in: 4. Dezember 2009
Sulfonylharnstoffe sind im Vergleich zu Metformin nach einer aktuellen Beobachtungsstudie mit einer stark erhöhten Sterberate verknüpft. Auch Sulfonylharnstoffe der zweiten Generation schnitten in der Studie, die gerade im „British Medical Journal“ publiziert wurde, schlecht ab: Sie waren mit einer erhöhten Herzinsuffizienz-Rate assoziiert. Bei den Glitazonen dagegen wurde kein erhöhtes Risiko festgestellt. Allerdings gab es bei Rosiglitazon eine höhere Gesamtsterberate als bei Pioglitazon. Herzinfarkte traten jedoch weder unter Rosiglitazon noch unter Pioglitazon vermehrt auf. Obwohl Daten von mehr als 91 000 Patienten ausgewertet wurden, sei die Aussagekraft methodisch bedingt eingeschränkt, schreiben Studienleiter Professor Paul Elliot und seine Kollegen.
Nach Angaben der britischen Autoren waren Sulfonylharnstoffe der ersten und der zweiten Generation mit einer Übersterblichkeit von 24 bis 81% assoziiert. Um 18 bis 30% vermehrt war zudem die Herzinsuffizienz-Rate unter Sulfonylharnstoffen der zweiten Generation wie Glimepirid oder Glibenclamid.
recht gut schnitten hingegen die Glitazone ab: Bei Therapie mit Pioglitazon war die Gesamtsterberate niedriger als unter Metformin – und zwar um 31 bis 39%. Unter Rosiglitazon jedoch war die Gesamtsterberate mit einem Plus von 34 bis 41% höher als unter Pioglitazon.
In Übereinstimmung mit den Autoren warnt auch der US-Kardiologe Dr. Sanjay Kaul davor, die Daten überzubewerten. Beobachtungsstudien könnten zwar wertvolle Hinweise liefern, insbesondere dazu, was sich in der „wirklichen Welt“ tue. Aber für endgültige Schlussfolgerungen seien sie ungeeignet. Dafür seien prospektive, kontrollierte und direkte Vergleichsstudien erforderlich, sagte Kaul gegenüber „Cardiobrief“.
Link:
BMJ
Cardiobrief