Wer zu früh kommt…

Seit kurzem gibt es mit Priligy® das erste orale Medikament zur Behandlung von Männern mit vorzeitigem Samenerguss. Das rezeptpflichtige Medikament von Janssen-Cilag, ursprünglich als Antidepressivum entwickelt,  wird bei Bedarf eingenommen und von den Krankenkassen nicht bezahlt. Etwa jeder fünfte bis dritte Mann soll von der Orgasmusstörung betroffen sein, sagen Urologen. Das Problem werde übertrieben, sagen andere. Und Konsens darüber, ob Priligy® wirklich sein Geld wert ist und sinnvoll,  besteht auch nicht. Aber was sind die Alternativen? Turnübungen oder gar das Verschmoren von Penisnerven?

Wirkstoff des neuen Medikamentes ist der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Dapoxetin, der dem bekannten Fluoxetin (Prozac®) strukturell ähnlich ist und ursprünglich von Eli Lilly als Antidepressivum entwickelt wurde  Seit Anfang dieses Jahres ist Priligy® in mehreren europäischen Ländern zugelassen worden, zunächst in Schweden und Finnland, später in Österreich und Portugal, vor kurzem auch in Deutschland. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde hat dagegen 2005 die Zulassung abgelehnt.

Entwicklung und Vermarktung von Dapoxetin basieren auf der seit langem bekannten Tatsache, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als Nebenwirkung den Orgasmus bei Männern verzögern. Die Wirkung von Dapoxetin ist also nicht spezifisch für diesen Wirkstoff. Anders als die zur antidepressiven Therapie verwendeten Präparate wird Dapoxetin jedoch nicht täglich, sondern ähnlich wie Viagra® bei Bedarf eingenommen, etwa  eine Stunde bis 3 Stunden vor dem Geschlechtsverkehr.

Zur Beurteilung der Wirksamkeit wird unter anderem die sogenannte intravaginale Latenzzeit bis zur Ejakulation (IELT) verwendet. Gemessen wird vom Beginn der vaginalen Penetration bis zur intravaginalen Ejakulation. Gemessen wird von der Partnerin mit einer Stoppuhr. Wissenschaftliche Untersuchungen haben angeblich gezeigt,  dass die meisten Männer ihren Orgasmus/ Samenerguss innerhalb von drei Minuten nach Eindringen in die Scheide bekommen. Bei den meisten Männern mit lebenslangem vorzeitigem Erguss findet dieser innerhalb der ersten (90%) bzw. zweiten (10 %) Minute statt.

Nach Angaben des Herstellers Janssen-Cilag wurden mit Dapoxetin in Studien mit über 6000 Patienten unter anderen folgende Effekte erzielt:

Verlängerung der IELT von 0,9 Minuten auf 3, 1 Minuten durch 30 mg Dapoxetin und auf 3,6 Minuten durch 60 mg. Unter Placebo stiegt die IELT von 0,9 auf 1,9 Minuten. Positive Ergebnisse haben darüber hinaus Studien zur Zufriedenheit der Partner mit der neuen Therapie geliefert.

 

Als ein Knackpunkt bei diesen Studien gilt jedoch, wie der Mittelwert der IELT berechnet wird (www.thelancet.com Vol 368 November 25, 2006). Wird das geometrische Mittel berechnet, das von vielen Experten als eine Art Goldstandard angesehen wird, fällt die Zunahme der IELT durch Dapoxetin geringer aus (arznei-telegramm® 2009, Jg. 40. Nr. 6, S.54 – 56).  Ausserdem: Paroxetin, ebenfalls ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, wirkt deutlich stärker als Dapoxetin, muss aber täglich eingenommen werden und ist auch nicht für die EP zugelassen. Ausgehend von der angeblich eher bescheidenen Wirkung wird dem neuen Medikament daher auch ein schlechtes Preisleistungs-Verhältnis vorgeworfen: 12 Tabletten mit je 30 mg kosten mit 136 Euro laut Arznei-Telegramm das 4- bis 16fache von Paroxetin-Präparaten.

Kritisiert wird zudem die Sicherheit des Präparates, das wie alle Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ausser Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und kardiovaskulären Wirkungen auch die Sexualfunktion nicht immer positiv beeinflusst: So kann zum Beispiel die Libido vermindert werden. Eindeutige Hinweise auf eine therapiebedingt erhöhte Neigung zu einem Selbstmord soll es laut Fachinformation nicht geben.

Ein eher unbefriedigendes Preis-Leistungs-Verhältnis sowie die Sicherheit des Präparates sind nur zwei Argumente der Kritiker. Ein weiterer Vorwurf lautet, dass hier die Medikalisierung und eine Pathologisierung des männlichen Orgasmus betrieben würden. Das kann man so sehen, das muss man nicht so sehen. Einerseits drängt  sich schon der Eindruck auf, dass hier nach dem bewährten Strickmuster vorgegangen wird, es gebe ein großes Problem, das bislang unterschätzt worden sei und zudem tabuisiert werde, es gebe aber endlich eine Lösung – nämlich Priligy®. In der Tat ist es so, dass keineswegs alle Männer mit Ejaculatio praecox (EP) auch daran leiden. In Mittleren Osten etwa ist ein rascher Samenerguss sogar Zeichen von Männlichkeit. Ausserdem ist die Vermutung wohl nicht unberechtigt, dass so mancher eigentlich Gesunde diese Pille in der Hoffnung erwerben wird, damit länger zu können. Und dass die Indikation für das rezeptpflichtige Arzneimittel wirklich sehr streng gestellt werden wird, wie es der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Andrologie Professor Hermann Behre der Deutschen Presse-Agentur gesagt hat, kann man glauben, muss es aber nicht.
Die andere Seite jedoch ist die, dass es offensichtlich immer noch schwer fällt, Störungen der Sexualfunktion als etwas einzuschätzen, das wirklich sehr belastend sein kann. Auch stellt sich die Frage, was es denn für Alternativen gibt. So heißt es auf dem Portal der Urologen zwar, dass sich das Problem mit zunehmendem Alter verliere und primär ein psychisches sei. Professor Hartmut Porst dagegen, einer der Experten zu diesem Thema, schreibt auf seiner Homepage im Konsens mit anderen Experten, das Problem bestehe lebenslang und sei ein organisches. Immerhin sind erst kürzlich Daten veröffentlicht worden, wonach der vorzeitige Samenerguss auch von den Genen beeinflusst wird.

Doch selbst, wenn die Störung nur passager wäre: Energisches Zuwarten, bis irgendwann Besserung eintritt, ist sicher keine Alternative, die betroffene Paare goutieren. Und nicht jedes Paar wird es mit Cremes, Salben, Turnübungen (Beckenbodengymnastik), Psychotherapien und irgendwelchen Techniken, etwa der Stop-Start-Technik, sowie Hilfsmitteln aus dem Sex-Shop versuchen wollen. Auch Squeeze-Techniken sind kaum Methoden, bei denen jeder Mann große Freude verspüren wird, übt doch bei diesen Techniken die Partnerin zur Unterdrückung der Ejakulation einen Schmerzreiz auf die Eichel aus. Und gar keine Option sind operative Massnahmen wie die elektrokaustische Verschmorung sensibler Penis-Nerven mit der möglichen Folge einer völligen Gefühllosigkeit von Eichel und Penishaut. So betrachtet ist das neue Medikament vielleicht schon eine Art Segen für die Betroffenen.

Übrigens: Alkohol, etwa ein gutes Gläschen Bordeaux, ist laut Fachinformation während der Therapie mit Priligy® kontraindiziert.  Und: Laut Fachinformation darf man nur einmal pro Tag.

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