Ein paar gesicherte Fakten und viele Spekulationen

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Image via Wikipedia

35 000 Tote durch die Schweinegrippe, selbst bei mildem Verlauf? Leider ist unklar, wie der Ex-Amtsarzt Professor Dr. Adolf Windorfer auf diese Zahl kommt, mit der er sich gestern in Deutschlands Zentralorgan für gewissensfernen Kampagnenjournalismus für die Impfaktion stark gemacht hat.
Der Hamburger Impfarzt Dr. Jakob Cramer vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf etwa kann die Berechnung des ehemaligen Leiters des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes nicht nachvollziehen. Und das RKI könne diese „ Zahl weder bestätigen noch dementieren“, erklärte Günther Dettweiler, Sprecher des Robert-Koch-Instituts, dem „Hamburger Abendblatt“.

Klar ist: In Deutschland sind seit April 2009 bislang zwei Menschen an H1N1 gestorben und 22 936 daran erkrankt (Stand 21.10.) Das ergibt eine Sterberate von rund 0,01 Prozent. Bei 30 Millionen Erkrankten in Deutschland, über die Windorfer spekuliert, ergäbe diese Sterberate 3000 Tote, also etwas weniger als jene 35 000 Toten.

Große Dunkelziffer

Aber Deutschland ist ja laut PEI ein „Ausreißer“. Denn weltweit liegt nach Angaben des Instituts die Sterberate bislang bei 0,6 Prozent (Spannweite 0,1 bis 5,1 %). Das wären bei 30 Millionen Erkrankten immerhin 180 000 Tote.
Auch die Zahl der wirklich erkrankten Menschen ist mit einer großen Unsicherheit behaftet. Laut PEI gibt es eine riesige Dunkelziffer, weil nicht alle Menschen mit H1N1 zum Arzt gehen, etwa weil die Symptome meist recht milde verlaufen. So heißt es im „Epidemiologischen Bulletin“ vom 16.10: „So ist davon auszugehen, dass nur ein kleiner Teil von Personen mit milder Erkrankung einen Arzt aufsucht und nicht alle Patienten mit ILI (influenza like illness) labordiagnostisch untersucht wurden. Diese Vermutung wird gestützt durch einen Bericht aus Neuseeland, wonach das Verhältnis von erkrankten Personen, die sich beim Arzt vorstellten, zu denen, die keine ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen, auf 1:18 geschätzt wurde.“

Ausgehend von diesem Verhältnis wären also in Deutschland nicht nur knapp 23 000 Menschen an H1N1 erkrankt, sondern 412 848. Bei bislang zwei Toten ergäbe dies eine Letalität von knapp 0,0006 Prozent. Erkrankten tatsächlich 30 Millionen Menschen in Deutschland, gäbe es 180 Tote, also ebenfalls etwa weniger als die von Windorfer geschätzten 35 000.
Weltweit ergäbe es bei der vom PEI zitierten Dunkelziffer (Verhältnis 1:18)
eine Letalität von 0,03 Prozent (0,6/18). Bei 30 Millionen Erkrankten in Deutschland ergäbe dies eine Zahl von 9000 Toten.
Diese Schätzungen zur tatsächlichen Letalität stimmen übrigens mit den Angaben des PEI überein: „Schätzungen, bei denen versucht wurde, die tatsächliche Anzahl der aufgetretenen Fälle zu berücksichtigen, deuten folglich auf eine Letalität hin, die deutlich niedriger liegt (Neuseeland: 0,005 %, Vereinigtes Königreich: 0,04–0,3 %; USA [New York]: 0,0008–0,2 %).“
Wie gefährlich ist das Virus wirklich?

Doch all dies ist recht viel Spekulation. Denn niemand weiß, wie wahrscheinlich eine Mutation des Virus zu einer sehr gefährlichen Variante ist. Laut PEI soll das Potenzial allerdings groß sein. Ebenfalls reichlich spekulativ ist, wie viele Todesfälle durch eine Impfung verhindert werden könnten. Nach Angaben des PEI könnte die Zahl der Todesfälle auf etwa die Hälfte bis ein Drittel gesenkt werden. Einen 100prozentigen Schutz vor einem tödlichen Verlauf biete die Impfung also nicht.
Ungewiss ist zudem, wie riskant die Impfung wirklich ist. Obgleich nach den bisher vorliegenden Daten die Sicherheit und Verträglichkeit groß sein sollen, kann niemand genau vorhersagen, was passiert, wenn Millionen von Menschen geimpft werden. Was ist, wenn die Rate schwerwiegender Impfkomplikationen (etwa Guillain-Barré-Sndrom) zwar eher gering ist, aber dennoch so hoch wie die Letalität an H1N1?

Überwiegend junge Menschen betroffen

Ist es also wirklich sinnvoll gewesen, allein für Deutschland 50 Millionen Impfdosen zu kaufen, obgleich bislang überwiegend junge Menschen von H1N1 betroffen sind? Laut PEI sind „Nach Angaben der USA bei der saisonalen Influenza 45 %, bei der Neuen Influenza A (H1N1), aber nur 10 % der hospitalisierten Erkrankten über 65 Jahre alt“.
Und: „Übereinstimmend berichten die USA, Australien und Kanada, dass die Altersgruppe der unter 4-Jährigen die höchste Hospitalisierungsrate aufwies, die etwa 4- bis 7-mal höher war als bei den älteren Altersgruppen. In den USA wurden 4,5 pro 100 000 der 0- bis 4-jährigen Einwohner aufgrund einer Neuen Influenza A (H1N1) in ein Krankenhaus eingewiesen, aber nur 1,1–1,2 pro 100 000 der 25- bis 64-Jährigen bzw. 1,7 pro 100 000 der über 65-Jährigen. Auch im Vereinigten Königreich fanden sich die höchsten Hospitalisierungsraten bei Kindern unter 5 Jahren.“ Dummerweise sieht es aber gerade mit Daten zum Nutzen und Risiko der Impfung bei Kindern eher bescheiden aus.

Fazit: Man muss wahrlich kein fanatischer Impfgegner sein, um ein wenig ins Grübeln zu geraten. Etwas mehr Fakten und vor allem weniger Aktivismus wären nicht ganz unangebracht.

Link zur Quelle: „Paul-Ehrlich-Institut“

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