Ein wohltuender Beitrag zur Impfdiskussion

Wenn man all die vielen Aussagen und Beiträge zur Schweinegrippe-Impfung sich anschaut, kann man kaum glauben, dass jene, die sich da zu Wort melden, nachgedacht haben, bevor sie losgeschwätzt haben. Statt ein bisschen zu rechnen und zu überlegen, behaupten manche, das Ganze sei eh nur eine Kampagne der natürlich profitgeilen Pharma-Industrie, und andere schwätzen von grotesker Kritik an einer natürlich sinnvollen Impfung und von Kakophonie, ohne selbst auch nur etwas Substanzielles zu sagen. Was beide Seiten anscheinend nicht begreifen können oder wollen, ist die simple Tatsache, dass das Risiko, an Schweinegrippe zu erkranken und zu sterben, vollig unabhängig davon ist, was die Pharmaindustrie oder Gesundheitsbehörden meinen. Anders formuliert: Das Risiko wird nicht dadurch schon klein, dass die Pharmaindustrie es aus nachvollziehbaren Gründen für groß hält. Es kann trotz  intensiver Lobbyarbeit der Industrie groß sein. Und es kann klein sein, obwohl Gesundheitsbehörden es für groß halten.

Wie recht hat da Gerd Antes, Direktor des Cochrane-Institutes in Freiburg, der sich heute in einem Beitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zur „Diskussion“ um die Impfung gegen die Schweinegrippe geäußert hat:

„ Sind die Gefahren der Schweinegrippe übertrieben? Es drängt sich derzeit der Eindruck auf, dass die meisten, die sich zu Wort melden, beim Dreisatz in der Schule gefehlt haben; selbst einfache Quotientenbildung scheint nicht jedermanns Sache zu sein.“
Und: „Wer die vermeintliche Verharmlosung der Gefahr kritisiert, weist gern auf die vermutlich enorme Dunkelziffer der Infizierten hin. Das ist sicherlich richtig, es unterminiert jedoch die eigene Argumentation. Denn die Mortalität ginge in gleichem Maße, also ebenfalls enorm, nach unten, würde man alle Infizierten richtig erfassen. Zu dieser Dunkelziffer gibt es keine verlässlichen Schätzungen. Der milde Verlauf und die Unzuverlässigkeit der diagnostischen Verfahren lassen aber befürchten, dass die Unsicherheit sich über das Vielfache der 22.000 ausdehnt. Und demnach verringert sich der Nutzen einer Impfung, was die Mortalität betrifft, entsprechend auf ein Zehntel. All das beruht auf der starken Annahme, dass die Impfung hochwirksam ist – was bisher jedoch noch nicht empirisch gezeigt worden ist…
Aussagen, dass dieser Impfstoff „sicher“ sei, sind genau so wenig belegbar, auch wenn sie von der Pressestelle der Zulassungsbehörde kommen, wie die Gegenstimmen, dass der Impfstoff zu risikoreich sei, auch wenn diese von Ärzten und Fachgesellschaften kommen. Richtig ist, dass wir vor einem großen Wissensloch stehen…

In den Vereinigten Staaten beobachtete man 1976 beim Guillain-Barre-Syndrom einen Todesfall auf achtzigtausend Impfungen. Um diesen Todesfall mit ausreichender Sicherheit zu erfassen, bedarf es 240.000 systematisch beobachteter Geimpfter. Oder mit Dreisatz: Selbst wenn man gegenwärtig zehntausend Geimpfte in Studien mit dem neuen Impfstoff hätte, wäre man um Größenordnungen davon entfernt, dieses Risiko erkennen zu können. Daraus jedoch fehlendes Risiko abzuleiten ist so, als würde man nachts im Wald die Taschenlampe ausschalten und behaupten, es gäbe keine Bäume…
Dem Impfen als einer der überhaupt wirksamsten, medizinischen Präventionsmaßnahmen der vergangenen einhundert Jahre wird in diesen Tagen ein immenser, nachhaltiger Schaden zugefügt. Wie groß der Vertrauensverlust in der Bevölkerung tatsächlich ist, wird man erst im Nachhinein sehen. Noch dramatischer ist die Vorstellung, wie sich dieser Ansehensverlust in einer echten, ernsthaften Krisensituation auswirkt.“

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2 Antworten zu “Ein wohltuender Beitrag zur Impfdiskussion

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