Neue These zur MS-Genese: an den Venen soll es liegen

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Multiple Sklerose im MRT. Image via Wikipedia

Bei vielen schweren Erkrankungen, deren Ursachen unbekannt sind, gibt es fast immer eine herrschende Theorie zur Krankheitsentstehung. Und dann gibt es meist noch Hypothesen, die nur von wenigen geteilt, von ihren Anhängern aber umso energischer verfochten werden. Manchmal, oft erst nach vielen Jahren, stellt sich dann heraus, dass die Minderheit im Recht, die Mehrheit im Unrecht war.
Die Multiple Sklerose ist eine solche schwere Erkrankung. Favorisierte und auch vielfach belegte Lehrmeinung ist ganz allgemein, dass immunologische und entzündliche Prozesse wesentlich an der Krankheitsentstehung beteiligt sind. Diskutiert werden zudem genetische und auch Umweltfaktoren.
Seit wenigen Monaten sorgt nun zunehmend, vor allem in Kanada und in den USA, eine Theorie für Diskussionen, in der Vermutungen aufleben, die schon ein paar Jahrzehnte alt sind, für die es aber neue wissenschaftliche Argumente gibt. Die Rede ist von einer vaskulären Genese der MS, genauer formuliert von einer venösen Insuffizienz als der eigentlichen Ursache der ZNS-Erkrankung.

Ausgelöst hat die aktuellen Diskussionen eine im Juni veröffentliche Studie des italienischen Wissenschaftlers Professor Paulo Zamboni von der Universität von Ferrara (J Neurol Neurosurg Psychiatry 2009; 80:392-399). Untersucht wurden in dieser Studie 65 Patienten mit unterschiedlichen MS-Verläufen im Vergleich zu 235 Menschen, die gesund waren bzw. andere neurologische Erkrankungen hatten. Dabei wurden sonografische Methoden verwendet, um Störungen im Blutabfluss aus dem Gehirn durch eine Blockierung der Venen herauszufinden. Bei den MS-Kranken fanden die italienischen Forscher einen starken Zusammenhang zwischen MS und Anzeichen einer venösen Insuffizienz, nicht dagegen bei den Personen der Vergleichsgruppe. Darüber hinaus gab es bei den MS-Patienten Hinweise darauf, dass das Blut einen Umweg über kleinere Gefäße sucht, um die Verengungen zu umgehen. Dabei wurde auch ein Rückfluss des Blutes in das Gehirn gefunden.

Die Geschichte begann vor rund 30 Jahren

Die Forscher nennen diese Blockierung der Venen „chronische cerebrospinale venöse Insuffizienz“ (CCSVI) und vermuten, dass der Rückfluss von Blut in das Gehirn die für die MS typischen Entzündungen und die immunbasierte Zerstörung des Myelingewebes auslöst.  Der Gedanke, dass Probleme bei der Blutzirkulation mit der MS in Zusammenhang stehen, ist nicht neu. Begonnen hat die Geschichte vor mehr als 30 Jahren mit der Forschung des österreichischen Arztes Dr. F. Alfons Schelling von der Universität von Innsbruck, der darüber 1978 auch im „Anatomischen Anzeiger“ berichtete. Der Ansatz wurde jedoch vermutlich nicht weiter verfolgt, da immer mehr Beweise dafür gefunden wurden, dass Angriffe des Immunsystems und Entzündungsvorgänge die Schlüsselrolle bei der Zerstörung des Nervengewebes spielen.

Hohe Eisenwerte und eine MS-kranke Ehefrau

Zamboni selbst ist ein ehemaliger Gefäßchirurg der Universität von Ferrara, der vor rund einem Jahrzehnt begann, sich intensiver mit der Multiplen Sklerose und ihren möglichen Ursachen zu befassen. Auslöser war die MS-Diagnose bei seiner damals 51jährigen Frau Elena. Bei seinen Recherchen fiel Zamboni auf, dass einige Wissenschaftler in den Gehirnen von MS-Patienten auffallend hohe Eisen-Werte gefunden hatten und zwar meist in der unmittelbaren Umgebung zerebraler Venen. Mit diesem Phänomen hatte sich bis dahin niemand intensiv beschäftigt. Man ging davon aus, dass die Eisenablagerungen eine Folge der MS seien. Mit dieser Theorie gab sich Zamboni jedoch nicht zufrieden. Als Gefäßchirurg fragte er sich, ob die Eisenablagerung nicht etwas mit den zerebralen Gefäßen zu tun haben könnten. Doppler-sonografisch stellte er dann auch fest, dass es bei fast allen vom ihm untersuchten MS-Kranken eine insuffiziente venöse Drainage gab, zum Beispiel durch Stenosen. Bei gesunden Menschen und Patienten mit anderen neurologischen Erkrankungen als MS waren seine Ultraschall-Befunde dagegen unauffällig. Ausgehend von diesen Befunden stellte Zamboni die These auf, dass infolge des unzureichenden venösen Abflusses das Blut und damit auch das Eisen aus den Gefäßen in das Gewebe, und zwar in die graue Substanz „gepresst“  und dort die MS-typischen Schäden verursachen würden. Denn „Eisen“, erklärt Zamboni, „ist sehr gefährlich, es produziert Freie Radikale, die die Zellen zerstören“. Mit dieser These war natürlich für Zamboni klar, dass die Therapie darin bestehen müsste, die Eisen-Akkumulation zu verhindern. Den vaskulären Befund bezeichnete er als „chronisch cerebrospinale venöse Insuffizienz“ (CCSVI) und begann, die ersten Arbeiten darüber zu publizieren und seine Forschung fortzusetzen. Dabei fand er unter anderem bald heraus, dass die Schwere der MS-Erkrankung mit dem Ausmaß der venösen Insuffizenz zusammenhängt: Je mehr Venen „blockiert“ waren, desto schwer waren auch die Symptome. Wie es zu den venösen „Blockaden“ kommt, weiß Zamboni nicht. Er vermutet, dass es angeborene Fehlbildungen sind.

Immer mehr Studien

Was aber hielt die Fachwelt damals von Zambonis These? Die meisten Neurologen lehnten sie ab – mit einer Ausnahme: der MS-Spezialist Dr. Fabrizio Salvi von der Universität von Bologna fand Zambonis Überlegungen sehr interessant und überwies ihm MS-Patienten zur Ultraschall-Untersuchung. Die Bildbefunde waren für Salvi „unwiderlegbar“. In einem nächsten Schritt entwickelte Zamboni dann gemeinsam mit dem Gefäßchirurgen Dr. Roberto Galeotti eine endovaskuläre Therapie so ähnlich wie die Ballon-Dilatation von stenosierten Arterien und bezeichnete die Methode als „Liberation“-Therapie. Ergebnisse einer 18monatigen Pilotstudie bei 65 MS-Kranken mit diesem Verfahren sind gerade im „Journal of Vascular Surgery“ publiziert worden: Der Anteil der Patienten ohne MS-Schübe stieg von 27 auf 50 Prozent, der Prozentsatz von Patienten ohne MS-typische Läsionen war in der Therapiegruppe mit 12 versus 50 Prozent signifikant niedriger als in der Vergleichsgruppe, die Lebensqualität der Patienten nahm zu. Wenn es jedoch zu einer Restenose der Venen kam, traten auch wieder Symptome auf.
Noch nicht abgeschlossen ist auch eine weitere klinische Studie mit 16 MS-Patienten,  die Zamboni gemeinsamt mit seinem US-amerikanischen Kollegen Dr. Robert Zivadinov von der Universität von Buffalo in New York macht. Die endgültigen Ergebnisse dieser Therapie-Studie sollen im Januar des nächsten Jahres publiziert werden. Vorläufige, nach Einschätzung der Autoren ermutigende  Daten sind bereits Anfang September auf einem internationalen Multiple-Sklerose-Kongress (ECTRIMS) in Düsseldorf vorgestellt worden.  Zivadinov, Direktor des „Buffalo Neuroimaging Analysis Center“  (BNAC) hat inzwischen auch mit einer Studie begonnen, in die er 1600 Erwachsene und auch 100 Kinder, 50 davon mit MS, aufnehmen will. Untersuchen will er mit Ultraschall und Kernspintomografie, ob MS-Patienten und auch ihre Angehörigen eine CCSVI haben.

Auch der US-Physiker Professor Mark Haake aus Detroit will die These von Zamboni in einer großen Multizenterstudie prüfen und sucht dafür die Zusammenarbeit mit Kollegen und Zentren in der ganzen Welt. Haake hat selbst in kernspintomografischen Untersuchungen bei MS-Kranken immer wieder auffällige Eisenablagerungen festgestellt, so dass er die Überlegungen von Zamboni für ausgesprochen interessant hält.

Noch viele ungeklärte Fragen, aber…

Nach anfänglich überwiegender Skepsis haben vor wenigen Tagen die US-amerikanische und die kanadische Gesellschaft für Multiple Sklerose gemeinsam Wissenschaftler aufgefordert, die These von Zamboni zu prüfen. Denn der Ansatz des italienischen Gefäßchirurgen sei so interessant, dass es sinnvoll, aber auch notwendig sei, die vielen noch unbeantworteten Fragen zu klären. Gleichwohl warnen die Gesellschaften vor übetriebenen Erwartungen und weisen darauf hin, dass es sich noch um eine These handelt und vor allem um eine Therapie, deren Wirksamkeit noch nicht ausreichend belegt ist. Auch die Deutsche Gesellschaft für Multiple Sklerose hält viele Fragen noch für unbeantwortet.  So heißt es in einem kommentierenden Fazit zu Zambonis im Juni publizierten Studie, „dass „noch keine Schlussfolgerungen hinsichtlich der Ursache von MS gezogen werden können – und auch nicht dazu, wann diese Blockierungen im Verlauf der Erkrankung entstanden sein könnten. Es gibt derzeit noch keine erprobte Therapie, um möglicherweise beobachtete Störungen zu beheben und es ist noch nicht klar, ob eine Auflösung der venösen Blockierung von Nutzen sein könnte“.
Zamboni selbst gibt sich durchaus zurückhaltend: Seine Therapie werde keinen MS-Kranken, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, wieder gehfähig machen. Aber vielleicht, so seine Hoffnung, bremst sie die Progression der Erkrankung. Die ersten Ergebnisse seien ermutigend, sagt auch Fabio Roversi-Monaco, Präsident der „Hilarescere Foundation“, die Zambonis Forschung finanziell unterstützt. Aber natürlich könnte der Erfolg der Therapie nicht garantiert werden.

Übrigens: Selbstverständlich hat Zamboni auch seine Frau Elena operiert. Sie gehörte vor drei Jahren sogar zu den ersten Patienten, die er nach seiner Methode behandelte. Seitdem soll sie keine Symptome mehr haben.

Links:
DMSG
Journal of Vascular Surgery
J Neurol Neurosurg Psychiatry
CCSVI
CTV-News

Hippokranet

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Neue These zur MS-Genese: an den Venen soll es liegen

  1. evelyn woehry

    da ich selbst ms betroffene bin intressieren mich ihre beiträge und neueste forschungsergebnisse brennend.
    herzlichen dank evelyn

  2. evelyn woehry

    bite keine nachrichten danke

  3. Auf folgende Info bin ich gestoßen: Im Buch „Wenn Gifte auf die Nerven gehen“ von Klaus-Dietrich Runow. Unter „Nahrungsmittel belasten Blutzellen“, Seite 90. Da ich nicht weiß wie sehr ich überhaupt zitieren darf erklär ich es mit eigenen Worten: Im Blut lassen sich Geldrollenblidungen, also Ketten von Blutkörperchen beobachten. Diese führen zu einer Störung der Mikrozirkulation.

    Ich habe MS und habe mein Blut auf Antikörper untersuchen lassen. Positiv. Ich habe IgG Antikörper gegen 12 Nahrungsmittel. Diese Nahrungsmittel passieren meine Darmwand ohne Probleme – Stichwort Leaky Gut Syndrom. Diese werden einfach nicht richtig zersetzt. Im Blut sind sie als Feinde deklariert. Durch die Abwehrreaktion werden die Blutbahnen verstopft. Also, nach meiner Theorie ist diese Venen-Sache eine Auswirkung der wirklichen Probleme.

  4. Pingback: Multiple Sklerose: Vorläufige Daten zur Venenthese « Medizin&Meinung

  5. Ich habe selber Kunden, die betroffen sind und sich tapfer durschlagen. Unter http://www.hilfsmittelmanager.eu/fts.php?criteria=multiple&x=0&y=0 können sich Multiple-Sklerose auch informieren.

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