Dr. Günther Jonitz: ein Plädoyer für mehr Sachlichkeit

Seit Monaten gibt es in Deutschland wie auch in anderen Ländern sehr kontroverse und teilweise emotionale Diskussionen über die Impfung gegen die Schweinegrippe. Immer wieder überwogen und überwiegen dabei unsachliche Argumente bis hin zu persönlichen Angriffen. Inkomptenz, Panikmache und Verantwortungslosigkeit lauten nur ein paar der Vorwürfe,  mit denen sich Protagonisten wie Kritiker der Impfkampagne konfrontiert sehen. Die Akzeptanz der Impfung hat dadurch unweigerlich gelitten. Mehr sachliche Aufklärung, ein weniger verkrampfter Umgang mit dem Thema und ein stärkeres Bemühen um die realen Probleme auf der Versorgungsebene wären unstreitig zielführender, sagt Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer.

Ihnen wie auch Herrn Professor Kochen wird vorgeworfen, mit kritischen Äußerungen zur Impfkampagne Ihre Kollegen und Patienten verunsichert und dadurch dazu beigetragen zu haben, dass die Akzeptanz der Impfung nicht so ist wie erwünscht. Wie sehen Sie diesen Vorwurf?

Jonitz: Die Akzeptanz der Impfung hängt wesentlich von sachlicher Aufklärung ab: Wie groß ist die Bedrohung durch die Krankheit? Wie groß ist mein individuelles Risiko? Welches Risiko und welche Nebenwirkungen liegen in der Behandlung? Diese Fragen wurden von Anfang an trotz besserem vorhandenem Wissen von den dafür zuständigen Stellen nicht beantwortet. Also ist es Aufgabe der Ärztekammer als sachkundige und unabhängige Institution, dies zu tun.

Vorgeworfen wird Ihnen auch, sich als Nicht-Infektiologe und als Ärztefunktionär nicht mit offiziellen, staatlichen Institutionen wie dem RKI sowie PEI abgestimmt zu haben. Aufgrund Ihrer Position haben Sie doch in der Tat eine besondere Verantwortung.

Jonitz: Um elementare Fragen zum Nutzen von Behandlungen zu beantworten, gibt es inzwischen sehr erfolgreiche Kurse sogar für Oberschüler! Risikoabwägung ist alltägliche ärztliche Aufgabe. Genau dafür habe ich geworben. Die Definition der Zuständigkeit allein ergibt noch keine Kompetenz für die Beantwortung der Fragen der alltäglichen Versorgung. Stellungnahmen von Fachleuten erfolgen nicht selten zu konkreten Produkten oder Krankheitserregern. In der Versorgung der Patienten spielt aber die Frage der Risikoabschätzung und der konkreten Organisation – Impfstoffbeschaffung, Lagerung, Kosten, Haftung – eine wesentlich relevantere Rolle.

Wie stehen Sie denn nun zur Impfung und zu der Impfkampagne?

Jonitz: Je länger die Impfung läuft, umso mehr wissen wir, dass der Impfstoff unbedenklich ist. Damit kann die Entscheidung zur Impfung leichter gefällt werden. Künftig möge mehr auf sachliche Aufklärung als auf Panikmache gesetzt werden. Dann werden wir eines Tages einen unverkrampften Umgang mit diesem Thema und eine höhere Durchimpfungsrate erreichen.

Ist das, was in Berlin passiert, wirklich ein Impfchaos? Was hätte man wie besser machen können oder müssen?

Jonitz: In der Tat sind viele Probleme trotz großem Einsatzes der Senatsfachleute durch die Organisation der Impfstoffbeschaffung und -verteilung entstanden. In Brandenburg konnte der Impfstoff über viele Apotheken bezogen werden, in Berlin nur durch eine einzige. Durch den systematischen Abbau des öffentlichen Gesundheitsdienstes war man auf niedergelassene und Krankenhausärzte für die Durchführung angewiesen. Die Zusammenarbeit mit diesen Gruppen wurde in der Vergangenheit eher nicht gepflegt.

Wäre die Schweinegrippe von Anfang an ein rein medizinisches Thema gewesen – es gibt eine Viruskrankheit, dazu physikalische Verfahren und eine offiziell empfohlene Impfung – und hätte man dieses medizinische Problem völlig routinemäßig bearbeiten können – gefährdete und ängstliche Patienten werden geimpft, der Rest klug beraten – wäre das wesentlich reibungsloser verlaufen. Das Chaos um die Schweinegrippenimpfung war keines der Versorgungsebene, sondern der staatlichen Regulierung.

Hat sich der Berliner Senat richtig verhalten, als er mit der KV auf Konfrontationskurs gegangen ist?  Hat die KV vielleicht nicht genug nachgegeben?

Jonitz: Ob die KV nicht auch „Gnade vor Recht“ hätte ergehen lassen können, muss diese selbst beantworten. Dass es ungünstig ist, wenn man als oberste Landesbehörde keinen umsichtigen Kontakt zu seinen nachgelagerten Fachinstitutionen pflegt, hat sich herausgestellt. Es ist zwar im Umgang mit Ärztefunktionären nicht immer leicht, die Probleme, die es zu lösen gilt, sind dafür erfreulich real.

Wie beurteilen Sie die Debatte um die Haftungsfragen und das Honorar?

Jonitz: Wenn man sich ansieht, wie teuer die chemischen Verstärker im Impfstoff sind, wie schnell staatliche Organe ohne mit der Wimper zu zucken solche Preise bezahlen; wenn man sich überlegt, welches Risiko selbst in einer einfachen Impfung liegt, bis zum anaphylaktischen Schock, müsste der Preis für unmittelbare ärztliche Leistung steigen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s