Neue These zur MS-Genese: Deutsche Experten nehmen Stellung

Seit wenigen Monaten sorgt, vor allem in Kanada und in den USA, eine Theorie zur MS-Genese für Diskussionen, in der Vermutungen aufleben, die schon ein paar Jahrzehnte alt sind, für die es aber angeblich neue wissenschaftliche Argumente gibt. Die Rede ist von der venösen Insuffizienz als der eigentlichen Ursache der ZNS-Erkrankung. Mehrere Studien prüfen derzeit dieses Konzept des italienischen Gefäßchirurgen Paulo Zamboni, der aus seiner Theorie sogar eine operative Therapie abgeleitet hat. „Medizin&Meinung“ hat das Konzept von Zamboni vor kurzem vorgestellt und der ärztliche Beirat der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft inzwischen dazu Stellung genommen. Das Fazit der deutschen Wissenschaftler in Kürze: „Nach unserem wissenschaftlichen Urteil entbehren die von Zamboni et al. vorgestellten Studienergebnisse einer soliden wissenschaftlichen Methodik und sind damit wertlos und sogar ethisch bedenklich.“

Bei dem Konzept von Zamboni werde, so heißt es in der Stellungnahme, „davon ausgegangen, dass eine venöse Abflussstörung zu einer venösen Stauung bzw. zu einer Erhöhung des venösen Druckes im Gehirn führt, welche dann ähnlich der chronisch venösen Insuffizienz der Beinvenen zu perivenösen Eisenablagerungen mit nachfolgender Entzündungsreaktion führen könnte. Diese überwiegend sonographisch erhobenen Befunde, ebenso wie der kürzlich beschriebene mögliche prognostische Zusammenhang von mittels transkraniellem Ultraschall nachgewiesenen Hyperechogenitäten im Gehirngewebe sind ein Indiz dafür, dass der Stellenwert der Ultraschalldiagnostik bei der diagnostischen Statuserhebung von MS-Patienten noch weitgehend unbekannt ist. 

In der Diskussion um die „venöse MS“ sollte dabei nicht übersehen werden, dass zerebrale venöse Insuffizienzen schon früher auch für andere neurologische Erkrankungen als ursächlich diskutiert wurden. Die dabei erhobenen Ultraschallbefunde sind zwar nicht mit den beschriebenen Befunden bei der „venösen MS“ identisch, ergaben jedoch zunächst vergleichbare Hinweise für das Vorliegen einer Migräne und einer Erkrankung mit vorübergehendem Gedächtnisverlust (TGA = transiente globale Amnesie).
Bei 86 Prozent der Patienten mit TGA wurde eine venöse Klappeninsuffizienz der Jugularisvenen beschrieben. Eine venöse Insuffizienz der Vena jugularis kommt somit nicht ausschließlich oder typischerweise bei MS vor, ist also keinesfalls „pathognomonisch“, wie fälschlicher Weise oft behauptet wird. In der beschriebenen TGA-Studie konnte eine venöse Klappeninsuffizienz sogar bei 33 Prozent der Kontrollpersonen entdeckt werden. Somit stellt sich die Frage, wie spezifisch diese Befunde für die Erkrankung sind. In eigenen, bisher nur in Posterform vorgestellten Untersuchungen konnten wir das nicht nachweisen.

Diese Sachverhalte sollten in der Diskussion über eine mögliche venöse Genese der MS mit berücksichtigt werden. Die sicherlich sehr interessanten Befunde von Zamboni und seinen Mitarbeitern sollten in einer rationalen und seriösen wissenschaftlichen Arbeit weiter verfolgt und auch von anderen Arbeitsgruppen bestätigt oder widerlegt werden. Zamboni bezeichnet seine Hypothese selbst als „The Big Idea“ und lässt somit eine in diesem Prozess eher hinderliche Irrationalität erkennen.“ Mit seiner propagierten Implantation von venösen Stents zur MS-Behandlung (Liberation Treatment) wecke er, so die deutschen Neurologen, „bei MS-Patienten wahrscheinlich nicht zu erfüllende Erwartungen“.  Denn: „In einer aktuell im „Journal of Vascular Surgery“ veröffentlichten Studie haben Zamboni und seine Mitarbeiter bei 35 RRMS-, 20 SPMS- und 10 PPMS-Patienten eine Behandlung mit Ballondilatation durchgeführt. Die Autoren behaupten, dass diese Prozedur bei den RRMS-Patienten zu einer Besserung des klinischen Verlaufes geführt habe. Eine Kontrollgruppe gibt es nicht. Ob die Patienten gleichzeitig Medikamente und wenn ja welche erhielten, geht aus der Arbeit nicht hervor.  Die beschriebene Verbesserung spiegelt zunächst den natürlichen Verlauf wider, da Schübe sich bei RRMS regelmäßig zurückbilden. Bei SPMS und insbesondere PPMS ist dies nicht der Fall. Somit habe die operative Therapie von Zamboni keinen Einfluss gehabt.“

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