Ginkgo-Studie: Wenig dran, was im „JAMA“ drin war

Ginkgo biloba (Tebonin®) könne den geistigen Abbau im Alter nicht stoppen, hieß es vor kurzem in einigen Medien. Bewiesen habe dies eine US-amerikanische Studie, die Ende vergangenen Jahres in dem Fachblatt „JAMA“ erschienen ist. Für all jene, die pflanzliche Präparate im Allgemeinen und Ginkgo im Besonderen ohnehin für eine Art Augenwischerei halten, ist das Ergebnis sicher keine Überraschung gewesen, sondern nur eine Bestätigung anderer Studien – und einer herrschenden Meinung. Eine genaue, wissenschaftlich gebotene Analyse der jetzt veröffentlichten Daten ist daher zumeist nicht für notwendig erachtet worden. Dabei lohnt es sich durchaus, ein bisschen tiefer in die Studie zu schauen. Denn nicht nur der Hersteller von Tebonin, das deutsche Unternehmen Dr. Willmar Schwabe, hat Zweifel an der Aussagekraft der Studie. Wobei nur am Rande erwähnt sei, dass Argumente nicht schon allein deswegen falsch sind, weil sie von einem Unternehmen mit kommerziellen Interessen kommen. Selbst die Reviewer der JAMA-Studie sollen nicht nur „amused“ gewesen sein, die mit öffentlichen Mitteln, also mit US-Steuergeldern finanzierte Studie allerdings trotz Kritik „durchgewinkt“ haben. Ob sie eine Negativ-Studie mit dem Präparat eines US-Unternehmens ebenfalls „durchgewinkt“ hätten, sei dahingestellt.

Aber nun der Reihe nach! Bei den jetzt vorgelegten Studiendaten handelt es sich um die Ergebnisse einer Subanalyse der so genannten GEM-Studie (Ginkgo Evaluation of Memory). Diese Studie wurde an sechs akademischen US-Zentren durchgeführt. Die Ergebnisse zum primären Endpunkt, der Vermeidung einer Alzheimerdemenz, wurden im letzten Jahr publiziert – ebenfalls im „JAMA“. Geprüft wurde, ob Ginkgo biloba (EGb 761) im Vergleich zu einem Scheinpräparat einen Morbus Alzheimer verhindern kann. Untersucht wurde dies bei 3069 Personen von 72 bis 96 Jahren. Das Durchschnittsalter betrug knapp 80 Jahre. Ergebnis war, dass der Extrakt im Vergleich zu Placebo während der mittleren Beobachtungszeit von sechs Jahren das Auftreten einer Alzheimerdemenz nicht verhindern konnte.

Jetzt sind die Daten zum Rückgang der mentalen Leistungen unterhalb der Schwelle zur Alzheimerdemenz vorgelegt worden. Dies war ein vor Studienbeginn festgelegter sekundärer Endpunkt. Laut Studienautor Beth Snitz von der Universität Pittsburgh wurden auch bei diesem sekundären Endpunkt keine positiven Wirkungen des Extraktes gefunden werden – weder in den globalen Tests, noch in spezifischen Untersuchungen zur Gedächtnisleistung, zu den visuellem räumlichen Fähigkeiten, zu Sprache, Aufmerksamkeit und zur psychomotorischen Geschwindigkeit oder in den „exekutiven Funktionen”. Auch die Auswertung nach Faktoren wie Alter, Geschlecht, ethnischer Herkunft, Ausbildungsniveau, APO-E4-Status oder mentaler Leistung zu Beginn der Studie ergab keine Belege dafür, dass Ginkgo einen Rückgang der kognitiven Leistungen verhindern könnte. Die Ergebnisse stimmen mit der bisherigen Einschätzung der Cochrane Collaboration überein, die Ginkgo-biloba-Extrakten keine gesicherte Antidemenzwirkung bescheinigen konnte.
Schaut man sich die Studie jedoch genauer an, ergeben sich einige Fragen oder methodische Probleme, worauf nicht allein das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe hingewiesen hat, sondern unter anderen auch die US-Epidemiologin Dr. Suzanne Dixon oder die nach eigenen Angaben unabhängige US-amerikanische Non-Profit-Organisation „The American Botanic Council“, die sich auf die Kommunikation seriöser Informationen zur Phytopharmakologie spezialisiert hat.
Zum einen, so die Kritik, haben die Studienautoren nicht berücksichtigt, dass rund 40 Prozent der Patienten nicht ausreichend therapietreu waren, also ihre Medikation nicht, wie notwendig, über den gesamten Zeitraum einnahmen. Womit sich die simple Frage ergibt, wie ein Medikament eigentlich wirken soll, wenn es nicht eingenommen wird.
Zum anderen wurden in den ersten vier der sechs Studienjahre Demenztests angewendet, von denen mangels Studien unklar ist, ob sie überhaupt geeignet sind, den sekundären Endpunkt „Rückgang der kognitiven Leistungsfähigkeit“ bei Gesunden oder nur mental nur leicht eingeschränkten Menschen exakt zu erfassen. Die GEM-Autoren selbst weisen auf diesen methodischen Schwachpunkt hin.

Darüber hinaus kann man nur dann einen signifikanten Unterschied zwischen einem Prüf- und einem Scheinpräparat erkennen, wenn der Studienendpunkt ausreichend häufig vorkommt. In der jetzt vorgelegten Substudie kam es allerdings selbst bei den Patienten der Placebo-Gruppe kaum zu einem kognitiven Abbau. Selbst das wirksamste Medikament kann aber eine Ereignisrate oder ein Risiko von fast null Prozent nicht weiter senken. Die Studie hätte länger laufen müssen. Sinnvoll wäre auch ein dritter Studienarm gewesen, etwa mit einem Acetylcholinesterasehemmer. Etwas polemisch formuliert: Den Nutzen von zwei unterschiedlichen Regenschirmen kann man nur dann prüfen, wenn es auch regnet.

Beim primären Endpunkt war dieses im Großen und Ganzen noch o.k.: In der 2008 publizierten GEM-Studie wurde die laut Studienplanung für ein signifikantes Ergebnis erforderliche minimale Inzidenz des primären Endpunktes Demenz erreicht. Dabei hatte man betagte, klinisch nicht demente oder kognitiv nicht wesentlich beeinträchtigte Teilnehmer zugelassen. Allerdings wurden in die Studie überdurchschnittlich gut gebildete Probanden aufgenommen. Aufgrund des hohen Alters, der hohen Bildung und der geringen Konversionsrate zur Demenz und dem fast völlig ausbleibenden kognitiven Abbau stellt sich jedoch die Frage, wie aussagekräftig die Daten zum sekundären Endpunkt sind. Auch auf diesen Schwachpunkt der eingeschränkten Repräsentativität weisen die Studienautoren hin – wohl auf Betreiben der JAMA-Reviewer.

Nur zum Vergleich: Das Unternehmen MSD hat in den USA gerade aus ähnlichen methodischen Gründen seine große 18 000-Patienten-Studie IMPROVE-IT um ein Jahr verlängert.

Nicht unberechtigt ist auch die Frage, wie nahe an der Versorgungsrealität eigentlich diese Studie ist, deren Probanden im Mittel knapp 80 Jahre alt waren? Warum die methodische Standardfrage, ob die Studienpopulation überhaupt repräsentativ ist, nicht gestellt wurde und auch von den Autoren in der Diskussion unbeachtet blieb, ist schon überraschend. Man muss daher kein Freund der Phytotherapie oder gar der Hersteller pflanzlicher Präparate sein, um an der Aussagekraft der JAMA-Studie etwas Zweifel zu haben – zumal sogar das IQWiG Ende September 2008 in einem Abschlussbericht dem Ginkgo-Extrakt einen Nutzen – wenn auch mit methodischen Einschränkungen – bescheinigte. Dieses Institut steht sicher nicht im Verdacht, sehr industriefreundlich zu sein. Und nur am Rande sei erwähnt, dass erst kürzlich Reiner Kaschel von der Universität von Osnabrück in seiner Studie durchaus zu einem für Ginkgo biloba positiven Ergebnis kam.

Fazit: Die methodisch etwas dürftige JAMA-Studie belegt nicht, dass der Pflanzenextrakt wirklich nichts bringt. Umgekehrt ist es natürlich nicht zulässig, aufgrund der methodischen Mängeln eine doch bestehende Wirksamkeit von Ginkgo biloba zu postulieren. Die jetzt im JAMA publizierten Daten belegen eigentlich nur, dass auch in einem renommierten US-Fachblatt nicht immer alles Gold ist, was glänzt. Oder: Es ist nicht immer sehr viel dran, was in einem Fachblatt drin ist.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Ginkgo-Studie: Wenig dran, was im „JAMA“ drin war

  1. linnemann

    Ein Beitrag in der Zeitschrift JAMA wird äußerst streng geprüft, so dass die Studie schon als Beleg für einen gewissen Zweifel an der Wirksamkeit von Ginkgo zulässt.

    Wichtiger ist jedoch die aktuelle Einschätzung der Cochrane Collaboration zu der Wirksamkeit von Ginkgo. Diese Einrichtung ist derzeit der „Goldstandard bei der Beurteilung von Wirkstoffen. Die Zusammenfassung lautet: There is no convincing evidence that Ginkgo biloba is efficacious for dementia and cognitive impairment (Birks J, Grimley Evans J. Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 1. ).

    Nach meiner Einschätzung stimmt das Preis- / Leistungsverhältnis von Ginkgo-Produkten NICHT:

    T. Linnemann

  2. tommasinifire

    Was das Preisleistungsverhältnis angeht: Das muss in diesem Fall jeder für sich selbst entscheiden.

    Zweifel an der Wirksamkeit: Ja, aber da überzeugt kein Antidementivum bislang so wirklich. Der physiologische Alterungsprozess ebenso wie der pathologische sind eben zu komplex, um rasch einfache medikamentöse Lösungen zu entwickeln. Außerdem folgt aus der Tatsache, dass Zweifel an der Wirksamkeit berechtigt sind, nicht automatisch, dass die JAMA-Arbeit methodisch einwandfrei ist.

  3. linnemann

    Den Anmerkungen von tommasinifire kann ich nur zustimmen – das Thema „klinische Studien“ ist und bleibt spannend – und oft nur die halbe „Wahrheit“…

    • tommasinifire

      Bei der Demenz wie bei vielen anderen chronischen Erkrankungen auch ist ohnehin die medikamentöse Therapie nur ein kleiner Mosaikbaustein. Viel wichtiger sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die sozioökonomischen etc.
      Klinische Studien sind immer nur ein Experiment, mit Möglichkeiten zur Manipulation und immer recht weit weg von der Versorgungsrealität. Allerdings geht Wissenschaft ohne Experiment bzw. wissenschaftliche Studien nicht.

      Dr. Thomas Kron

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