Dicke Kinder – natürlich ein sozialpolitisches Problem

Wenn es um das Thema dicke Kinder geht, ist rasch ein Konsens über die Ursachen oder gar „Schuldigen“ gefunden: „Schuld“ hätten der Computer, das Fernsehen, mangelnde Bewegung und natürlich Fast Food. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Ganz entscheidend seien die sozialen Rahmenbedingungen, haben Sozialwissenschaftler der Universität Stuttgart in einer Studie festgestellt.

Dass Übergewicht und Adipositas wie auch andere Krankheiten nicht nur auf genetische sowie biochemische Faktoren und individuelle Verhaltensweisen zurückzuführen sind, ist zwar keine wirklich neue Erkenntnis. Aber dass vor allem chronische Krankheiten auch einen sozioökonomischen Hintergrund haben, wird von Politikern wie auch Wissenschaftlern oft nur in einem Nebensatz erwähnt. Mal davon abgesehen, dass es politisch opportun ist, hier nur von individueller Verantwortung zu reden und die politische und gesellschaftliche zu verschweigen.

Dicke Kinder, so das Ergebnis der Stuttgarter Studie, seien „eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung, wobei Übergewicht maßgeblich durch das Auseinanderfallen sozialer und kultureller Strukturen begünstigt wird: durch die Folgen der Überflussgesellschaft auf der einen und durch familiäre Erosionsprozesse und Funktionsdefizite auf der anderen Seite“, heißt es in einer Pressemitteilung der Stuttgarter Universität.

In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten und von vielen Partnern unterstützten Projekt wurden über 50 Einzelursachen für Übergewicht und Fettleibigkeit identifiziert. Als entscheidend habe sich dabei „das Zusammenspiel von mehreren Faktoren“ herausgestellt: Zum einen „individuelle Dispositionen und Gewohnheiten“ und zum anderen „die Lebensbedingungen einer Überflussgesellschaft, in der kalorienhaltige Lebensmittel jederzeit zur Verfügung stehen aber auch viele technischer Produkte, die die Bewältigung des Alltags ohne große Kraftanstrengung ermöglichen“. Rund 500 Kilokalorien täglich beträgt nach Schätzungen des Karlsruher Sportwissenschaftlers Professor Klaus Bös der tägliche Minderverbrauch allein durch die vielen technischen Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern – vom Aufzug bis hin zur elektrischen  Zahnbürste und dem elektrischen Scheibenheber im PKW. Verschärft werde das Problem „nicht selten durch ein familiäre s Umfeld“, in dem die Kinder und Jugendlichen oft sich selbst überlassen und meist unzureichend darüber aufgeklärt würden.

Der Strukturwandel seit den 1970er Jahren habe allerdings zu wachsenden Erziehungsdefiziten geführt, sei es durch Scheidungen, durch die berufsbedingte Abwesenheit der Eltern oder auch nur durch „asynchrone Zeitabläufe“ der einzelnen Familienmitglieder. „In den betroffenen Familien isst jeder, wann, wo und was er will, und die Freizeitgestaltung folgt dem selben Muster“, sagt der Stuttgarter Sozialwissenschaftler Dr. Michael Zwick. Dass Abmagerungskuren da wenig Erfolg hätten, liege auf der Hand. Zudem würden gerade „Problem-Familien“ von Appellen und Kampagnen meist gar nicht erreicht.

Zusätzlich zu vielen anderen Vorschlägen zur Prävention von Übergewicht plädieren die Forscher für die bislang umstrittene Ampel-Kennzeichnung sehr fett- oder zuckerhaltiger Lebensmittel. Ein weiterer Ansatzpunkt sei eine bedarfsgerechte Umgestaltung von Wohnquartieren zugunsten attraktiverer Aktivitäten im Freien, beziehungsweise die bedarfsgerechte, wohnortnahe Sport- und Spielstätten mit freiem Eintritt für Kinder und Jugendliche.

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