GlaxoSmithKline unter Druck – Avandia fast k.o.

Official photo of United States Senator Chuck ...
Senator Grassley. Wikipedia

Das Antidiabetikum Avandia ist offensichtlich schwer angezählt; und angesichts aktueller Ereignisse und der Vorgeschichte drängen sich unweigerlich Erinnerungen an Vioxx auf: Zum einen fordern jetzt laut „New York Times“ Wissenschaftler der FDA in einem vertraulichen Bericht die Marktrücknahme des GSK-Präparates. Grund sind angebliche kardiale Risiken. Zum anderen erhebt der US-Senat aufgrund umfangreicher Untersuchungen schwere Vorwürfe gegen GlaxoSmithKline und gegen die FDA. Das Unternehmen selbst bestreitet in einer Pressemitteilung einen Zusammenhang und auch die gemachten Vorwürfe.

Wenn alle Avandia-Patienten auf das Takeda-Präparat Actos (Pioglitazon) umstiegen, würden jeden Monat mehr als 500 Infarkte und 300 Herzinsuffizienz-Fälle vermieden, heißt es laut „New Yorker Times“ in den FDA-Dokumenten. Allein im dritten Quartal 2009 soll es im Zusammenhang mit Avandia zu 304 Todesfällen gekommen sein. „Rosiglitazon sollte vom Markt genommen werden”, empfehlen die beiden FDA-Autoren Dr. David Graham and Dr. Kate Gelperin.

Besondere Brisanz gewinnt das Ganze nicht nur für GSK, sondern auch für die FDA durch einen aktuellen Untersuchungsbericht des US-Finanzsenats, basierend auf einer zweijährigen Analyse von mehr als 250 000  Dokumenten des Pharmakonzerns, der FDA und von Forschungsinstituten. Außerdem seien viele Gespräche mit GSK, der FDA und anonymen Informanten geführt worden, heißt es in dem Bericht. Danach soll es der Hersteller versäumt haben, die Patienten wider besseren Wissens frühzeitig auf die möglichen kardialen Nebenwirkungen von Rosiglitazon hinzuweisen. Auch die FDA habe in dieser Sache geschlampt. Die GSK-Verantwortlichen hätten außerdem versucht, Ärzte „einzuschüchtern und die kardialen Nebenwirkungen von Avandia und die möglicherweise kardioprotektiven Wirkungen des Konkurrenzproduktes herunterzuspielen“, schreibt die „New York Times“. Der Bericht sollte erst  am Montag veröffentlicht werden, ist inzwischen aber schon im Internet ebenso wie eine Stellungnahme von GSK bei „Forbes“ etwa verfügbar.

Die aktuelle Diskussion um die angebliche kardiale Gefährlichkeit von Avandia ist nur ein erneuter Höhepunkt einer seit vielen Jahren schon existierenden Kontroverse. Erste Hinweise auf mögliche kardiale Risiken von Avandia gab es laut „New York Times“ schon vor mehr als zehn Jahren. 1999 etwa habe Professor John Buse von der Universität von North Carolina mehrfach auf Meetings über Hinweise auf kardiale Risiken des Glitazons berichtet. Der Forschungschef von GSK, Tachi Yamada habe sich, so der aktuelle Senatsbericht, daraufhin an die Vorgesetzten des Arztes gewendet und juristische Schritte in Aussicht gestellt. Was Yamada natürlich abstreitet. Laut dem Senatsbericht soll er wegen einer Publikation über mögliche Leberschäden unter Avandia auch zwei Ärzte der Universität von Pennsylvania unter Druck gesetzt haben. Beide Ärzte wollen wegen möglicher Repressalien durch Arzneimittelhersteller anonym bleiben. Buse selbst bekam wohl laut „New York Times“ einen Maulkorb verpasst: Mit seiner Unterschrift auf einem von GSK formulierten Papier soll er sich möglicherweise schriftlich verpflichtet haben, seine Bedenken zu Avandia nicht mehr öffentlich zu äußeren.

Das Problem war damit für GSK aber keineswegs vom Tisch. Ganz im Gegenteil! Gegen Ende 2006 etwa lieferten sogar die beiden Hersteller- finanzierten Studien „DREAM“ und „ADOPT“ Hinweise auf mögliche kardiale Risiken durch Avandia.

In „DREAM“ etwa kam es unter Avandia zu einer leichten Zunahme nicht tödlicher Herzinsuffizienz-Fälle. Und in „ADOPT“ schnitt das GSK-Glitazon hinsichtlich der kardialen Sicherheit deutlich schlechter ab als Euglucon.

2007 erlitt GSK dann erhebliche Umsatzrückgänge, nachdem im Mai eine im „New England Journal of Medicine“ vorab online publizierte Metaanalyse einen Zusammenhang zwischen Avandia und Herzerkrankungen festgestellt hatte. Nach Angaben der Autoren um Steven Nissan (Cleveland) waren die Resultate aber nur grenzwertig signifikant. Die Autoren hatten nach eigenen Angaben jedoch einen nur eingeschränkten Zugang zu Originaldaten. GSG selbst hatte die Studie vor der Publikation erhalten und die Daten nicht kritisiert, aber dennoch eine riesige Werbekampagne zu Avandia gestartet und die möglichen Gefahren heruntergespielt, heißt es in US-Medien. Ein Beratungsgremium der FDA entschied damals knapp mit 8 zu 7 Stimmen, das GSK-Glitazon trotzallem auf dem Markt zu lassen.

Im vergangenen Jahr habe, so die Nachrichtenagentur „Reuters“, aber auch eine kanadische Studie eine erhöhte Rate an Herzinsuffizienz- und Todesfällen unter Avandia im Vergleich zu Actos ergeben. GSK stellte die Ergebnisse selbstverständlich in Frage und verwies auf mehrere kontrollierte Studien, in denen die Herzinsuffizienz-Raten unter Avandia und Actos gleich waren.

Heftige Kritik der beiden FDA-Wissenschaftler und der Senatoren gibt es auch wegen einer Studie, die GSK 2008 gestartet hatte. In dieser Langzeitstudie „TIDE“ werden Avandia und Actos hinsichtlich ihrer kardialen Sicherheit verglichen. Die beiden FDA-Wissenschaftler Graham und Dr. Gelperin bezeichneten die Studie schon damals in einem internen Bericht allerdings als unethisch, da die Patienten unter Avandia einen größeren Herzrisiko ausgesetzt würden als unter Actos, ohne dass es ihnen mehr nutze. Außerdem: An der Studie nehmen möglicherweise sogar Patienten mit Herzinfarkten und Angina pectoris in der Vorgeschichte teil – also genau solche Patienten, bei denen andere Gesundheitsbehörden als die FDA vor der Therapie mit Avandia gewarnt hätten, schrieben die beiden FDA-Wissenschaftler im Oktober 2008 in einem internen Bericht, der nicht publiziert wurde. GSK nahm und nimmt aber  trotzallem weiterhin Patienten in die TIDE-Studie auf, die erst in zehn Jahren beendet sein soll. Zwischenergebnisse will das Unternehmen der FDA angeblich 2014 liefern. Die beiden US-Senatoren Max Baucus und Chuck Grassley fragen in ihrem aktuellen Bericht daher, warum diese Studie trotz der bedenken weiterlaufen darf, zumal die FDA selbst von zusätzlich 83 000 kardialen Zwischenfällen unter Avandia zwischen 1999 und 2007 ausgehe. Eine Antwort soll die FDA bis spätestens März dieses Jahres liefern.

Das Patent von Avandia läuft 2012 aus. Bis dahin hat GSK an dem Antidiabetikum trotz der Querelen und der Umsatzrückgänge in den vergangenen Jahren sicher nicht schlecht verdient. Allein 2006  soll das Unternehmen mit Avandia laut „New York Times“ einen Umsatz von über drei Milliarden US-Dollar erzielt haben. 2009 hat er allerdings angeblich nur noch 1,2 Milliarden US-Dollar betragen.

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