Mehr Krebs, weniger Tote, hohe Preise

Prof. WD. Ludwig-AKDÄ

Bei immer mehr Deutschen wird Krebs festgestellt. Derzeit wird in Deutschland jährlich bei rund 450 000 Menschen diese Diagnose gestellt. 2006 waren es noch 20 000 weniger. Pro Jahr gibt es 210 000 Todesfälle. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass derzeit 1,45 Millionen Menschen mit der Krankheit leben. Aber: Die Krebssterblichkeit sinkt.

„Wir sind auf dem Weg zu einem neuen Paradigma, dass nämlich Krebs eine chronische Erkrankung ist, die wir zwar nicht heilen, wohl aber beherrschen können“, sagte diese Woche Professor Wolff Schmiegel aus Bochum, Präsident des Krebskongresses in Berlin.
Seit 1990 ist nach Angaben des RKI die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen um ein Drittel gestiegen. Männer waren stärker betroffen als Frauen. Grund dafür ist, dass es wegen des Zweiten Weltkriegs in den 90er-Jahren verhältnismäßig wenig alte Männer gab. Inzwischen wurde diese demografische Lücke geschlossen. 

Die Deutsche Krebshilfe geht davon aus, dass die Zahl der Krebserkranken weiter steigen wird: Bis 2030 um ein Drittel. Grund dafür sei, dass die Menschen immer älter würden und Krebs immer früher erkannt werde.
Gegen Ende des letzten Jahres hatte allerdings ein Team von Ärzten aus Italien, der Schweiz und Frankreich gemeldet, dass Europas Kampf gegen Krebs zunehmend erfolgreich sei. Die Krebssterblichkeit zwischen den Perioden 1990 – 1994 (A) und 2000 – 2004 (B) sei bei Männern um neun, bei Frauen um 8 Prozent gesunken. Nach der Studie, die in den „Annals of Oncology“ veröffentlicht wurde, starben in der Periode A jährlich 185,2 von 100 000 Männern an Krebs, in der Periode B dagegen nur noch 168. Bei den Frauen fiel diese Zahl von jährlich knapp 105 auf 97. Ausgewertet wurden die Daten von 34 EU-Ländern.
Nach Ansicht der Studienautoren sind diese geringen Sterberaten sehr stark eine Folge des verminderten Tabak-Konsums; immer weniger Männer seien an Lungenkrebs und anderen Tumoren gestorben, die durch das Rauchen gefördert würden. Auch die kontinuierliche Abnahme der Todesfälle bei Magenkrebs und kolorektalen Karzinomen habe zu der gesunkenen Gesamtsterblichkeit beigetragen. Gesunken sind nach Angaben der Autoren auch die Sterberaten an Zervix- und Mammakarzinomen, wobei die Erfolge beim Brustkrebs im Wesentlichen der verbesserten Therapie zuzuschreiben seien. Therapiefortschritte seien auch der Hauptgrund für die besseren Daten beim Hodenkrebs, Hodgin-Lymphom und bei den Leukämien. Die Daten der 34 EU-Länder seien allerdings recht unterschiedlich. In Ländern mit Zunahme des Alkohol- und Tabak-Konsums habe es mehr, nicht weniger Todesfälle an Lungenkrebs, oralen Karzinomen und Pharynx- sowie Speiseröhrenkrebes gegeben. Deutschland liegt mit seinen Zahlen übrigens im Mittelfeld. Die geringsten Sterberaten haben  bei den Männern Schweden, Finnland und die Schweiz, bei den Frauen Spanien, Griechenland und Portugal.
Laut Schmiegel überleben in Deutschland gegenwärtig Patienten mit Brust-, Darm- oder Lungenkrebs, deren Lebenserwartung vor 20 Jahren im Mittel acht bis zehn Monate betrug, eine heute zwei bis drei Jahre – mit steigender Tendenz. Dies gelinge „durch eine passgenaue, individualisierte Therapie, die die Lebensqualität der Patienten während der gesamten Behandlungszeit so hoch wie möglich halten kann“.
Sogar Patienten mit Bronchial-Ca profitieren von dem neuen Therapieprinzip mit längerem, beschwerdefreiem Überleben. „Je besser wir die Signalwege in der Krebszelle verstehen, um so individueller kann in Zukunft die Therapie auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden“, sagte Professor Edgar Dahl von der Universitätsklinik Aachen.
Ein großer Vorteil der neuen zielgerichteten Therapien sei auch ihre bessere Verträglichkeit, sagte Schmiegel.
Ein Problem aber sind die hohen Kosten. Zunehmend wird daher auch in Deutschland die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis moderner Krebstherapien gestellt. Dass es Fortschritte gibt, ist unstreitig. Die Daten seien aber unzureichend und die Kosten „exorbitant hoch“, meinen Professor Wolf-Dieter Ludwig von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und auch Professor Heinz-Johannes Buhr von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie.

Voraussetzung für eine fundierte Diskussion sind gute Daten. Doch da hapert es in der Onkologie nach Ansicht von Ludwig: „Unser Verständnis der exakten Wirkungsweise neuer Arzneimittel in der Onkologie ist in vielen Bereichen noch sehr lückenhaft. Anhaltende, insbesondere kurative Therapieerfolge bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen werden zudem, auch mit zielgerichteten Wirkstoffen, nur selten erreicht.“ Und: Die Datenlage für neu zugelassene Wirkstoffe in der Onkologie sei oft unbefriedigend, „da die vor der Zulassung durchgeführten klinischen Studien der Phase II bzw. III häufig keine abschließenden Aussagen zur Wirksamkeit neuer Arzneimittel unter Alltagsbedingungen erlauben“. Die Gründe für die mangelnde Aussagekraft seien überwiegend methodische Mängel.
Auch Experten der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) haben vor wenigen Tagen die Preise moderner Krebstherapien kritisiert: „Zielgerichtete Medikamente versprechen eine effektivere Behandlung, doch können diese Medikamente schnell 100 000 Euro und mehr pro Jahr und Patient kosten“ hieß es in einer Pressemitteilung. Die großen Erfolge blieben aber aus: „Nur einzelne Erkrankungen können durch die Wirkstoffe gelindert werden. Klinische Studien haben jedoch bereits mehrfach gezeigt, dass sich – abgesehen von Ausnahmen – die Lebenszeit der Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit nur um zwei oder drei Monate verlängert.“
Professor Heinz-Johannes Buhr, Sekretär der DGAV: „Daher kommen zu wir dem Schluss, dass die zur Verfügung stehenden Medikamente maßlos überteuert sind.“

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s