Schweinegrippe: „viel Geld durch den Schornstein gepfiffen“

Transmission electron micrograph of influenza ...
Influenza-A-Virus. Image via Wikipedia

Seit mehreren Wochen bemühen sich europäische Regierungen darum, überflüssige Dosen ihres Schweinegrippe-Impfstoffs zu verhökern, um so den Schaden für die Steuerzahler wenigstens ein bisschen zu reduzieren. Die Schweinegrippe gilt medizinisch zwar als beendet. Aber die hitzigen Diskussionen über die angebliche Pandemie und die Impfkampagne werden weitergehen. Da sei noch viel aufzuarbeiten, sagte vor wenigen Wochen der Epidemiologe Professor Ulrich Keil.

21 Millionen Dosen ihres Schweinegrippe-Impfstoffes wolle zum Beispiel die niederländische Regierung an die Hersteller GlaxoSmithKline und Novartis zurückverkaufen, meldete gestern das Gesundheitsministerium. Über den Stand der Gespräche wollte eine Sprecherin des Ministeriums noch keine Auskunft geben. Die Niederländer hatten insgesamt 34 Millionen Impfstoff-Dosen gekauft. Davon wurden nur 11 Millionen verimpft. 2,2 Millionen werden als Notfallreserve aufbewahrt.

Auch die Länderregierungen in Deutschland bemühen sich seit mehreren Wochen, die überflüssigen Dosen des GSK-Impfstoffs Pandemrix irgendwie noch halbwegs „gewinnbringend“ zu verhökern. Rund zehn Millionen Impfstoff-Dosen wollen die Bundesländer an Pakistan verkaufen, hieß es in diesen Tagen. Regierungskreise in Berlin ließen laut „Westfalen-Blatt“ (Wochenendausgabe) verlauten, dass Verhandlungen mit Pakistan kurz vor dem Abschluss stünden. Außer Pakistan gebe es noch acht weitere Staaten, darunter Irak, die Impfstoff in Deutschland kaufen wollten. Das BMG wollte zu dem Bericht nicht Stellung nehmen.

Die Gesundheitsminister wollen verkaufen, weil die Nachfrage deutlich geringer ausgefallen ist als erwartet. Die Länder hatten zunächst 50 Millionen Impfdosen bestellt. Bund und Länder hatten sich im Januar mit dem GSK auf eine Reduzierung der Lieferung des Impfstoffes Pandemrix geeinigt. Demnach müssen nur 34 Millionen statt der bestellten 50 Millionen Dosen abgenommen werden. Dies ist aber immer noch mehr als nötig, so dass es jetzt vor allem um Schadenreduzierung geht. Allein Bremen soll auf überflüssigen 240 000 Impfstoff-Dosen im Wert von rund zwei Millionen Euro sitzen. Insgesamt müssen die Bundesländer für jede nicht verwendete Impfdose 8,33 Euro an GSK bezahlen (ein Euro für das Antigen, sechs Euro für das Adjuvans und 1,33 Euro für die Mehrwertsteuer). Die Krankenkassen bezahlen selbstverständlich nur für verbrauchten Impfstoff.
Inzwischen fordern laut Medienberichten Betroffene von angeblichen Folgeerkrankungen der Impfung Entschädigung vom Land Nordrhein-Westfalen. Insgesamt seien vier Anträge eingereicht worden, weitere würden erwartet, sagte ein Sprecher des Düsseldorfer Gesundheitsministeriums und bestätigte damit einen Bericht des „Westfalen-Blatts“. Sollte nachgewiesen werden, dass die Impfung Ursache für die Erkrankungen sei, könnte das Land in Regress genommen werden. Die Anträge werden derzeit von den Landschaftsverbänden Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland bearbeitet.

Beim Landschaftsverband Rheinland sind laut „Westfalen-Blatt“ die Anträge eines 30 Jahre alten Mannes aus Düsseldorf, eines 60-jährigen Mannes aus Kleve und eines 71-jährigen aus Fürstenau (Kreis Höxter) eingegangen. Die Betroffenen sollen an Nervenentzündungen, Augenmuskellähmungen, Hauterkrankungen sowie Kopfschmerzen und Übelkeit leiden. Düsseldorf und Kleve sollen an einer Hauterkrankung leiden.

Die WHO wartet zwar weiterhin auf die nächste Welle. Aber im Großen und Ganzen gilt die Schweinegrippe als beendet. Es gebe allerdings noch viel aufzuarbeiten, sagte vor wenigen Wochen der Epidemiologe Ulrich Keil von der Universität Münster. „Alle paar Jahre werden wir mit Epidemien geängstigt“, sagt er in einem Interview mit „stern.de“.

„Dabei sind die großen Killer andere.“ Keil hatte Anfang des Jahres bereits im Europarat heftige Kritik an der WHO und ihrem Umgang mit der Schweinegrippe geäußert. Die Behörde habe die Angst vor H1N1 geschürt.

Dazu Keil in dem Stern-Interview:

Alle paar Jahre werden wir mit Epidemien geängstigt. 2002/03 war es Sars, 2005/06 kam die Vogelgrippe. Jedesmal wurden große Angstkampagnen inszeniert. Bis jetzt waren das alles regionale Epidemien, die sich nur sehr begrenzt ausgebreitet haben. Weltweit erkrankten an der Vogelgrippe nur etwa 350 Menschen. Dennoch diente sie als Modell einer Pandemie. Auch bei der Schweinegrippe haben Virologen schnell Angst verbreitet, da das Virus in seiner Gefährlichkeit dem der Spanischen Grippe ähnlich sei. Der Vergleich war allerdings falsch. Damals war es eine gänzlich andere Situation. Das Virus traf auf eine durch den ersten Weltkrieg geschwächte, unterernährte Bevölkerung. Seit 1840 nimmt die Lebenserwartung in der westlichen Welt pro Dekade um zweieinhalb Jahre zu. Die letzte große Grippeepidemie in Deutschland, die sich auf die Lebenserwartung ausgewirkt hat, war 1968…Die großen Killer sind in Wahrheit heute andere: chronische Erkrankungen… Ärgerlich ist ja: An allen Ecken und Enden fehlt uns Geld im Gesundheitssystem und dann wird bei der Schweinegrippe eine Milliarde oder mehr durch den Schornstein gepfiffen.“

Er wolle, so Keil, die WHO nicht verunglimpfen. Aber: „Bei der Schweinegrippe glaube ich, dass sie unter Druck gesetzt wurde. Ich kenne die WHO seit 1973. Viele leitende Stellen waren damals mit Leuten aus dem ehemaligen Ostblock besetzt, die von der Industrie nichts wissen wollten. Bis 1990 war die Organisation von Industrieinteressen daher fast vollkommen frei. Danach erfolgte eine starke Öffnung hin zur Industrie.“

Man muss die Meinung von Keil nicht teilen. Unstreitig dürfte aber sein, was der Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz heute in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ meint:

„Geheimniskrämerei schafft kein Vertrauen und rächt sich. Wie in Deutschland hinter den Kulissen zwischen Bund, Ländern, Herstellern, Krankenkassen und Ärzten um die Kosten für eine Massenimpfung zum Schutz der Bevölkerung gerungen wurde, das war sicher kein Glanzstück öffentlicher Gesundheitsvorsorge und politischer Transparenz“.

Ebenso zutreffend ist übrigens seine Kritik an dem zu Teil lächerlichen Umgang mit den Infektionszahlen, den Todesfällen und den angeblichen Impfkomplikationen. Hier hat oftmals jeder gesunde Menschenverstand versagt. Statt sich ein bisschen um Dreisatz und Wahrscheinlichkeitsrechnung zu bemühen, wurden hirnlos die täglichen Todesfälle gemeldet –  ähnlich wie die täglichen Olympiamedaillen. Das geschah auch dann noch, als es überhaupt keine Infektionszahlen mehr gab, die man aber benötigt hätte, um die Letalität zu berechnen. Vor wenigen Monaten hatte schon Gerd Antes, Leiter der Cochrane-Gruppe in Freiburg, in einem Beitrag in der „FAZ“ auf den dümmlichen Umgang mit Zahlen in diesem Zusammenhang hingewiesen. Auch der leider übliche Erregungsjournalismus einiger Medien hat kaum anders als all die infantilen Verschwörungstheorien der Sache mehr geschadet als genutzt.


Antes in der „FAZ“:

„In den Vereinigten Staaten beobachtete man 1976 beim Guillain-Barre-Syndrom einen Todesfall auf achtzigtausend Impfungen. Um diesen Todesfall mit ausreichender Sicherheit zu erfassen, bedarf es 240.000 systematisch beobachteter Geimpfter. Oder mit Dreisatz: Selbst wenn man gegenwärtig zehntausend Geimpfte in Studien mit dem neuen Impfstoff hätte, wäre man um Größenordnungen davon entfernt, dieses Risiko erkennen zu können. Daraus jedoch fehlendes Risiko abzuleiten ist so, als würde man nachts im Wald die Taschenlampe ausschalten und behaupten, es gäbe keine Bäume…
Dem Impfen als einer der überhaupt wirksamsten, medizinischen Präventionsmaßnahmen der vergangenen einhundert Jahre wird in diesen Tagen ein immenser, nachhaltiger Schaden zugefügt. Wie groß der Vertrauensverlust in der Bevölkerung tatsächlich ist, wird man erst im Nachhinein sehen. Noch dramatischer ist die Vorstellung, wie sich dieser Ansehensverlust in einer echten, ernsthaften Krisensituation auswirkt.“

Reblog this post [with Zemanta]
Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s