Preis: Neurologe entdeckt Ursache für posturales Tachykardiesyndrom

Der Neurologe Privatdozent Carl-Albrecht Haensch von der Klinik für Neurologie der Universität Witten/Herdecke hat den Robert-Wartenberg-Preis der Deutschen Gesellschaft für Neurologie verliehen bekommen. Er erhielt ihn für seine Forschung im Bereich des vegetativen Nervensystems, teilt die „Deutsche Gesellschaft für Neurologie“ mit.

Neu sei Entdeckung von Haensch und seinen Mitarbeitern, dass Beschwerden wie Schwindel, Herzrasen, Benommenheit oder Kopfschmerzen bis hin zum Kreislaufkollaps durch fehlende Nervenendigungen am Herzen ausgelöst werden können. Das Krankheitsbild wird als „posturales Tachykardiesyndrom“ (POTS) bezeichnet.

Obwohl die Erkrankung besonders bei jüngeren Frauen eine häufige Variante der Kreislaufdysregulation ist, wird sie in Deutschland noch zu selten diagnostiziert. POTS ist gekennzeichnet durch einen übermäßigen Pulsanstieg im Stehen bei kaum verändertem mittlerem Blutdruck. Es treten Symptome der orthostatischen Intoleranz auf, die zum Hinsetzen oder Hinlegen zwingen. Die orthostatischen Beschwerden sind auf eine zunehmende Hyperventilationsneigung mit konsekutiver Hypokapnie und zerebraler Perfusionsminderung zurückzuführen.

„Wir konnten mit der sogenannten MIBG-Szintigraphie nachweisen, dass bei einem Teil der Patienten mit diesen Symptomen die Nervenendigungen des sympathischen Nervensystems am Herzen fehlen“, beschreibt Haensch das Ergebnis seines Ärzteteams. Bisher ging man davon aus, dass Patienten mit POTS ein gesundes Herz haben und die Beschwerden psychisch ausgelöst werden.

„Das Krankheitsbild POTS ist in Deutschland kaum bekannt und wird daher nur selten festgestellt. Die meist jungen Patienten durchlaufen häufig viele Untersuchungen, um die Beschwerden internistisch, neurologisch oder psychiatrisch abzuklären“, schildert Haensch das Schicksal der Betroffenen. „Dabei kann man häufig schon durch eine gezielte Befragung des Patienten und eine Untersuchung auf dem Kipptisch auf die Diagnose kommen“, sagt er. Auf dem Kipptisch wird der Blutdruck gemessen, während der Patient zunächst auf einem Untersuchungstisch liegt, der dann – mit dem Patienten zusammen – in die Senkrechte gebracht wird. „Gesunde Menschen können den etwa halben Liter Blut, der dann in die Beine sackt, automatisch ausgleichen, POTS-Patienten nicht“, erklärt Haensch. Diesen Ausgleich reguliert bei gesunden Menschen das sog. autonome Nervensystem. Es steuert meist unbewusst Atmung, Herzschlag, Wimpernschlag – kurzum nahezu jedes Organ im Körper.

Im Labor wiesen die Ärzte am HELIOS-Klinikum bei POTS-Patienten erstmals einen Verlust von Nervenfasern in Teilen des Herzens nach. Diese Erkenntnis trägt nach Ansicht der Ärzte langfristig dazu bei, die Erkrankung selbst und die Auswirkungen der gestörten Nervenversorgung besser zu verstehen. Da die autonomen Kerngebiete des Gehirns einer direkten Messung nicht zugänglich sind, müssen zum Beispiel die Reaktionen verschiedener Organsysteme auf unterschiedliche Stimulationen untersucht werden. Hierfür stehen den untersuchenden Ärzten verschiedene Messmethoden zur Verfügung – darunter Schweißtests, Langzeit-Blutdruckmessungen, die Beobachtung von Veränderungen der Herzfrequenz und Messungen der Pupillenweite.

Und wie sollen die Patienten behandelt werden?

Laut aktueller Leitlinie zum Thema „Synkope“ liegen zum POTS keine qualitativ ausreichenden Therapiestudien vor. Die folgenden Therapieempfehlungen stützten sich auf die Erfahrungen dreier Zentren, in denen POTS-Patienten in größerer Zahl behandelt wurden:

  • Ausreichend Flüssigkeit (2-2,5 l/d) und Salz (2-4 g/d)
  • Ausdauertraining (20-30 Minuten, 3× pro Woche)
  • Beinekreuzen oder Muskelanspannung beim Stehen
  • Stützstrumpfhose
  • Midodrin (z. B. Gutron, 3× tägl. 2,5-10 mg)
  • Fludrocortison (z. B. Astonin-H, 0,1-0,2 mg/d)
  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (z. B. Paroxetin [z. B. Tagonis], 20 mg/d)
  • Betablocker (z. B. Propranolol [z. B. Dociton], 10-40 mg/d).

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