Multaq: zertifizierte Fortbildung mit einem „Geschmäckle“

Wie unabhängig und damit wie glaubwürdig ist eigentlich zertifizierte Fortbildung? Darüber lässt sich trefflich streiten. Insbesondere über die Frage, ob so genannte gesponserte Veranstaltungen wirklich mehr Werbebotschaften als seriöse Information enthalten. Fortbildungsveranstaltungen, die von Arzneimittelherstellern bezahlt werden, können sehr gut sein. Unstreitig ist aber sicher, dass solche Fortbildungsveranstaltungen  ein „Geschmäckle“ haben. Gerade bei kontroversen Themen wären die Geldgeber daher gut beraten, auf ein ausgewogenes Verhältnis von Pro und Kontra zu achten – vorausgesetzt natürlich, Aufklärung und Fortbildung der Ärzte seien wirklich das Ziel, meint Larry Husten, der frühere Chefredakteur von „theheart.org“, dem renommierten US-Kardiologen-Portal.

Anlass ist eine E-Mail-Werbung des Portals für ein zertifiziertes Online-Fortbildungsprogramm zum Thema „Vorhofflimmern und antiarrhythmische Therapie“, wobei es natürlich primär um die Wahl des angeblich bessten Präparates geht.

Dagegen ist primär natürlich nichts einzuwenden. Und Husten tut das auch nicht. Was ihn aber doch  stört, ist unter anderem, dass der „Sponsor“ des Programms – Sanofi-Aventis  – nicht genannt wird. Ein Blick in das Programm und in die Präsentationen der Referenten jedoch offenbare eine aus Sicht von Husten nicht unerhebliche Einseitigkeit. Vor allem einer der Referenten, der Kardiologe Dr. Peter Kowey, präsentiere im Wesentlichen  Rechtfertigungen und Gründe dafür, von Amiodaron auf das Sanofi-Aventis-Präparat Multaq zu wechseln – obwohl es weitestgehender Konsens unter Wissenschaftlern sei, dass Multaq nicht Erstlinientherapie sei. Kowey weise zwar selbst darauf hin, mehr eine Hypothese als gesicherte Fakten zu liefern. Aber, so Husten: „Was haben Hypothesen in einer Fortbildungsveranstaltung zu suchen und warum gibt es keine Gegenargumente?“ Und: „Eine Fortbildungsveranstaltung sollte beide Seiten zu Wort kommen lassen, nicht nur eine!“ Außerdem: Nicht nur alle drei Referenten geben an, finanzielle Verbindungen zum Multaq-Hersteller zu haben, sondern auch die verantwortlichen Kardiologen des Portals, die über die Programminhalte entscheiden.

Dieser Vorgang passt nach Ansicht von Husten hervorragend zu anderen offensichtlichen Bemühungen des Unternehmens, unter dem Mäntelchen der Fortbildung und der Kommunikation wissenschaftlicher Informationen überwiegend Marketing für ihr Antiarrhythmikum zu betreiben. So gebe es seit wenigen Wochen zum Beispiel eine gemeinsame Webseite des „American College of Cardiology“ und der US-amerikanischen Herz-Rhythmus-Gesellschaft mit dem angeblichen Ziel, Ärzte und auch Patienten über Herzrhythmusstörungen zu informieren. Einziger Sponsor ist Sanofi-Aventis. Und Chefredakteur DR. Kenneth Ellenbogen hat nach eigenen Angaben enge finanzielle Kontakte zu dem Arzneimittelhersteller.

Ebenfalls relativ neu ist die Webseite einer Initiative von Ärzten, Politikern und Patienten („A Call to Action for Atrial Fibrillation”), die auch von  Sanofi-Aventis unterstützt wird.

Ein möglicher Grund für das intensive Engagement des Arzneimittelsherstellers in Sachen Herzrhythmusstörungen:

Multaq, von dem man sich Milliarden-Umsätze erhofft hatte, erweist sich zunehmend als Fehlschlag. Mehr als 300 Millionen Euro jährlich wird es nach aktuellen Schätzungen von Analysten nie einbringen. Und selbst davon sei man derzeit noch recht weit entfernt.

„Abwärts ging es für die Aktien des französischen Pharmakonzerns Sanofi-Aventis“, meldete vor wenigen Wochen auch das Internetportal „Wissen.de“. Der Grund für den Kursverlust: „Das Medikament Multaq zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen habe in einer Analyse der französischen Transparenzkommission schlecht abgeschnitten, berichtete die Zeitung „La Tribune“. Von der Bewertung hängt die Erstattungsleistung des Gesundheitssystems ab. Das Medikament könne nur zu 35 % bezuschusst werden, schrieb die Zeitung. Sanofi-Aventis werde daher überlegen, ob das Präparat überhaupt in Frankreich eingeführt werde, sagte eine der Kommission nahestehende Person. Multaq fiel schon im Dezember bei den Behörden in Großbritannien durch: Es sei zu teuer und nicht wirksamer als andere Medikamente, urteilten sie.“

Siehe auch

„Medpage“

„Hippokranet“

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