Neue JAMA-Studie: Angeblich Suizidgefahr unter Antikonvulsiva

Einige häufig verwendete Antikonvulsiva erhöhen möglicherweise bei Erst-Anwendern das Risiko für einen Suizid, Suizidversuche und einen gewaltsamen Tod, berichten US-Forscher im aktuellen „JAMA“. Ein erhöhtes Risiko fanden die Forscher um Dr. Elisabetta Patorno (Harvard Medical School) für Gabapentin, Lamotrigin, Oxcarbazepin und Tiagibin. Bezugs-Substanz war Topiramat. Eine vermehrte Suizid-Gefahr wurde auch für Valproat festgestellt.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte 2008 gefordert, Antikonvulsiva mit der Warnung zu versehen, dass sie die Häufigkeit von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten verdoppeln. Grundlage für diese allgemeine Warnung war eine Metaanalyse von fast 200 Studien. Diese Analyse war allerdings nicht groß genug, um zwischen den antikonvulsiven Substanzen zu differenzieren.

Die Maßnahme der FDA wurde außerdem als unverhältnismäßig kritisiert. So schrieb im Juli 2009 zum Beispiel die Berliner Neurologin Dr. Bettina Schmitz in einer Übersichtsarbeit zu dem Thema:

„Grundsätzlich ist eine erhöhte Vigilanz bezüglich der potenziell negativ-psychotropen Effekte von Antiepileptika zu begrüßen. Allerdings stellt sich bei einer ausschließlichen Warnung vor suizidalem Verhalten durch Antiepileptika auch die Frage der Verhältnismäßigkeit. Absolut betrachtet, sind die Risiken nach der Analyse der FDA mit 2,5 mehr suizidalen Patienten auf 1000 behandelte Patienten im Vergleich zu den Placebogruppen unter Berücksichtigung der hohen psychiatrischen Komorbidität bei Epilepsie aus klinisch epileptologischer Sicht wenig beeindruckend. In Anbetracht der komplexen Ursachen für suizidales Verhalten bei Epilepsiepatienten hätte man sich eine bilanzierte Nutzen-Risiko-Analyse vor der öffentlichen Warnung gewünscht. Man hätte gerne mehr über Risikofaktoren, psychiatrische Diagnosen, Begleitmedikation und Anfallsfrequenz erfahren. So ist bekannt, dass auch erfolgreiche Behandlungen bei Epilepsiepatienten suizidales Verhalten induzieren können, d. h., dass für eine ätiologische Zuordnung u. a. auch die Wirksamkeit eines Antiepileptikums berücksichtigt werden sollte. Die psychotropen Effekte der Antiepileptika sind außerdem, abhängig vom Wirkmechanismus, mit unterschiedlichen Risiken für verschiedene psychiatrische Störungen, insbesondere depressive Reaktionen verbunden. Eine Verallgemeinerung der psychiatrischen Risiken über alle Antikonvulsiva hinweg wird dieser Komplexität nicht gerecht.“

Patorno und ihre Kollegen haben für ihre JAMA-Arbeit nun Daten von 26 Studien mit fast 300 000 mindestens 15-jährigen Patienten ausgewertet, die zwischen Juli 2001 und Dezember 2006 erstmals ein Antikonvulsivum erhielten. Dabei stellten die Forscher einen Anstieg der Suizid-Handlungen innerhalb der ersten 14 Therapietage fest. Insgesamt gab es 827 suizidale Handlungen, darunter 801 Suizidversuche und 26 Suizide. 41 Patienten starben eines gewaltsamen Todes.

Für die einzelnen Antikonvulsiva errechneten Patorno und ihre Kollegen folgende prozentuale Risikoerhöhungen (in Relation zu Topiramat):

Gabapentin: 42

Lamotrigin: 84

Oxcarbazepin: 107

Tiagabin: 141

Valproat: 65.

Nach Ansicht vieler Epileptologen werfe die Studie aber – methodisch – bedingt eine Fragen auf. Ein Grund, eine notwendige antiepileptische Medikation abzusetzen, sei diese Studie auf keinen Fall. „Ich denke nicht, dass die Resultate der Studie das Verhalten der behandelnden Ärzte beeinflussen sollte”, sagt etwa Dr. Orrin Devinsky, Direktor des Epilepsiezentrums am „NYU Langone Medical Center.“ Antiepileptika würden primär bei Patienten verwendet, die ein ohnehin schon erhöhtes Risiko für Suizid-Handlungen hätten. Es stelle sich schon die Frage, „ob die Ergebnisse der Studie in weiteren Studien bestätigt werden können und ob sie klinisch wirklich relevant sind“. Nach Ansicht von Professor Ewald Horwath (University of Miami Miller School of Medicine) könnte die aktuelle Studie in die Irre führen, denn viele Patienten seien aufgrund bipolarer Störungen und Depressionen mit Antikonvulsiva behandelt worden. Eine andere Studie habe überdies ergeben, dass Antikonvulsiva bei Patienten mit diesen psychiatrischen Erkrankungen mit einer geringeren Suizid-Neigung einhergingen.

Links:

NINDS (National Institute of Neurological Disorders and Stroke)

Informationszentrum Epilepsie

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