Multaq: Wie man seiner Glaubwürdigkeit schadet

Die Vermischung von Wissenschaft und PR in angeblich wissenschaftlichen Vorträgen und Aufsätzen ist so wenig neu wie die zunehmende Vortäuschung von PR-Beiträgen als unabhängige redaktionelle Beiträge. Kaum jemand findet das gut, aber an dieser Unsitte ändert sich wohl trotzdem nichts, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Die Protagonisten dieser Geschichte sind mehrere, zur „so genannten AF Exchange Group“ gehörende US-Kardiologen, auch ein deutscher Herzspezialist, sowie das Unternehmen Sanofi-Aventis. Das Produkt, um das es geht, ist mal wieder das Antiarrhythmikum Multaq gegen Vorhofflimmern (AF).

Was ist geschehen? Im “Journal of Cardiovascular Electrophysiology” ist ein Beitrag erschienen mit dem Titel “The Impact of New and Emerging Clinical Data on Treatment Strategies for Atrial Fibrillation”. Erstautor ist Professor Eric N. Prystowsky, der zugleich Chefredakteur des Fachjournals ist und auch einer der Autoren der gemeinsamen AF-Leitlinien der US-Kardiologen-Gesellschaften (ACC und AHA) und der europäischen Kardiologen-Gesellschaft (ESC) von 2006. Eine aktualisierte Fassung der Leitlinien soll im Herbst dieses Jahres erscheinen.

Eine Kernbotschaft des Übersichtsbeitrags von Prystowsky ist, dass Multaq (Dronedarone) als Firstline-Therapeutikum bei Vorhofflimmern anzusehen sei. Dies ist unter Kardiologen zwar nicht Konsens, aber diese Meinung kann man ja haben. Das Peinliche aber ist nicht nur, dass so gut wie alle Autoren gegen Honorar für Sanofi-Aventis gearbeitet haben oder noch arbeiten, sondern vor allem, dass der Beitrag offensichtlich mit finanzieller Unterstützung des Unternehmens erstellt worden ist: „The AF Exchange Group is supported by an unrestricted educational grant from Sanofi-aventis”, heißt es – völlig transparent immerhin – in der Publikation. Mitbeteiligt an dem Beitrag war nach einer Recherche des US-Journalisten Larry Husten zudem eine gewisse Dr. Felicity Leigh, eine Angestellte des weltweit agierenden Unternehmens Adelphi, das unter anderem pharmazeutische Unternehmen bei der Vermarktung ihrer Produkte unterstützt. Ein Schelm, der da Böses denkt? Überdies entspricht das Plädoyer für Multaq als Firstline-Antiarrhythmikum in dem aktuellen Beitrag auch der Botschaft einer allein von Sanofi-Aventis gesponsorten Webseite des „American College of Cardiology“ und der US-amerikanischen Herz-Rhythmus-Gesellschaft.

Das alles ist durchaus legal, hat aber natürlich das berühmte „Geschmäckle“.

Einer der vielen weiteren Autoren des aktuellen Beitrags im „Journal of Cardiovascular Electrophysiology” ist übrigens der renommierte Kardiologe Professor Günter Breithardt (Münster), letztes Jahr von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie mit der „Carl-Ludwig-Ehrenmedaille“ ausgezeichnet und unter anderem Sprecher des „Kompetenznetzes Vorhofflimmern“. Finanziert wird das Kompetenznetz mit Steuergeldern (Bundesministerium für Bildung und Forschung). Nach Angaben der Verantwortlichen ist der Internetauftritt „frei von Werbung und kommerziellen Inhalten“. Gleichwohl bieten die beteiligten Kardiologen ihre Expertise pharmazeutischen Unternehmen als Dienstleistung an. Und selbstverständlich arbeitet das Kompetenznetz auch mit dem Multaq-Hersteller zusammen, wie etwa aus der online-Berichterstattung über eine Veranstaltung der so genannten, von Sanofi-Aventis unterstützten „Vorhofflimmer-Akademie“ im Juni 2009 hervorgeht. Den selben Veranstaltungsbericht kann man übrigens auf dem „Vorhofflimmer-Portal“ des Unternehmens lesen.

Nun ist eine Zusammenarbeit mit einem pharmazeutischen Unternehmen weder ehrenrührig noch automatisch ein Beweis dafür, dass getroffene Aussagen falsch und durch kommerzielle Interessen stark gefärbt sind. Mal davon abgesehen, dass in Deutschland wissenschaftliche Fortbildung und auch Forschung ohne Unterstützung der Industrie so gut wie unmöglich wären. Und immerhin hat sich in den letzten Jahren insofern einiges getan, als viele Referenten und Autoren ihre so genannten „Interessenskonflikte“ offenlegen. Es kommt, wie eigentlich immer, sicher auf den Einzelfall an, wenn es um die Frage geht, ob die Grenze zwischen unabhängiger wissenschaftlicher Informationsvermittlung und Meinungsäußerung einerseits und bezahlter PR andererseits überschritten worden ist. Im konkreten Fall von Prystowsky und Multaq muss man allerdings schon sehr naiv sein, um Unabhängigkeit und Objektivität anzunehmen. Ein Einzelfall? Leider wohl kaum! Die Liste aktueller Beispiele dafür, wie hart Wissenschaftler, Unternehmen und Verlage an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten und sich letztendlich selbst damit schaden, könnte beliebig verlängert werden – trotz aller Bemühungen um mehr Transparenz und trotz eines Verhaltenskodex der forschenden Arzneimittelindustrie.

Offenbar aber hat sich noch immer nicht herumgesprochen, dass man Glaubwürdigkeit schnell verliert, aber nur sehr langsam, wenn überhaupt, zurückgewinnt. Leute wie Prystowsky müssen sich leider den Vorwurf gefallen lassen, ihrer Zunft und auch der pharmazeutischen Industrie Bärendienste zu erweisen, indem sie mit ihrem Verhalten jenen Argumente an die Hand liefern, für die die Arzneimittelindustrie ohnehin gleich nach der Waffen- und Tabakindustrie kommt.

Multaq und Sanofi-Aventis waren übrigens erst vor kurzem in den USA im Gespräch, als Husten auf seiner Webseite darüber informierte, dass das renommierte US-Kardiologenportal „Heartwire“ auf seiner Webseite zertifizierte und angeblich unabhängige Fortbildung zum Thema Vorhofflimmern anbietet, ohne den Sponsor zu nennen – nämlich Sanofi-Aventis. Dass der Inhalt der Fortbildungsveranstaltung überwiegend pro Multaq war, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

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