ZNS-Lymphome: Langjährige Tumorkontrolle bei hoher Lebensqualität

Prof. Uwe Schlegel

Einen Fortschritt in der Therapie von primären ZNS-Lymphomen meldet laut „Deutscher Gesellschaft für Neurologie“ ein Team deutscher Neurologen und Onkologen in der Fachzeitschrift „Annals of Neurology“.

Mehr als acht Jahre nachdem 65 Patienten mit einer speziellen Form der Chemotherapie behandelt wurden, sind anscheinend etwa ein Drittel aller Tumor-Patienten und etwa die Hälfte der unter 60jährigen geheilt. Durch Verzicht auf die bei dieser Tumorform übliche Strahlentherapie gelang es den Wissenschaftlern überdies, schwere geistige Beeinträchtigungen zu vermeiden, die als Langzeitfolgen einer kombinierten Therapie besonders gefürchtet sind.

„Diese langjährige Tumorkontrolle ohne Einschränkung der Lebensqualität ist neu und bislang mit keiner anderen Therapieform erreicht worden“, so Studienleiter Professor Uwe Schlegel, Direktor des Knappschaftskrankenhauses/Klinik für Neurologie der Universität in Bochum. Noch vor 20 Jahren waren primäre ZNS-Lymphome mit einer Lebenserwartung von nur einem bis zwei Jahren verbunden. Unter einer Kombination aus Radio- und Chemotherapie verbesserte sich die Prognose seitdem erheblich verbessert. Mehrere Studien zeigten einen Zuwachs der Lebenserwartung auf durchschnittlich 25 bis 60 Monate. Doch dieser Fortschritt hatte einen hohen Preis: „Oft weisen Patienten nach einer Kombination von Strahlen- und Chemotherapie erhebliche geistige Leistungseinschränkungen auf, die im schlimmsten Falle zu vollkommener Pflegebedürftigkeit führen“, so Schlegel.
Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma suchten Wissenschaftler von vier deutsche Zentren: Die Kollegen verzichteten zwischen 1995 und 2002 auf die Strahlentherapie und erprobten in einer Phase-II-Studie eine Kombination aus systemischer und intraventrikulärer Polychemotherapie (im Wesentlichen hochdosiertes Methotrexat und Cytarabin). Insgesamt 65 Patienten mit einem primären ZNS-Lymphom, die zum Zeitpunkt der Diagnose zwischen 27 und 75 Jahre (im Mittel 62) alt waren, wurden behandelt. Außer der systemischen Chemotherapie erhielten sie zusätzlich über ein kleines Reservoir unter der Kopfhaut ihre Medikamente in die Ventrikel verabreicht.

Diese Behandlung war nach Angaben der Forscher um Erstautorin Dr. Annika Jürgens erfolgreich: 21 der 65 Patienten (32 Prozent) sind nach rund acht Jahren noch am Leben, davon mehr als die Hälfte der unter 60-Jährigen (17 von 30). Seit fünf Jahren sind keine Patienten mehr gestorben, was laut „Deutscher Gesellschaft für Neurologie“ nahelegt, dass die Krankheit in diesen Fällen nicht nur gebremst wurde, sondern die Patienten tatsächlich auch geheilt wurden.

Darüber hinaus erfüllte sich die Hoffnung, dass die Therapie ohne intellektuelle Leistungseinbußen und mit guter Lebensqualität einhergeht. Dies konnte das Forscherteam durch mehrere neuropsychologische Tests dokumentieren. In fünf der sieben gemessenen Bereiche unterschieden sich die geistigen Leistungen der Studienteilnehmer Jahre nach der Therapie nicht mehr von der Allgemeinbevölkerung, was auch deshalb bemerkenswert ist, weil bei den meisten hier bereits zum Zeitpunkt der Diagnose Defizite festgestellt worden waren. Während die Kombination aus Chemo- und Strahlentherapie selbst bei jüngeren (unter 60 Jahren) Patienten etwa in einem Drittel aller Fälle zu erheblichen geistigen Einbußen führt, war dies bei keinem einzigen der 17 jüngeren Patienten in der aktuellen Studie der Fall.

72 Prozent der Patienten werteten ihre Lebensqualität mehr als acht Jahre nach der Diagnose als „gut“ oder „sehr gut“. Lediglich im sozialen Bereich hatte die Lebensqualität in dieser Zeit deutlich abgenommen, was aber auch bei gesunden Personen als Folge des normalen Alterungsprozesses häufig beobachtet wird.

Insbesondere bei den älteren Patienten sehen die Neurologen und Onkologen noch reichlich Bedarf für Verbesserungen. Denn bei diesem Patienten waren die Ergebnisse der aktuellen Studie deutlich weniger überzeugend wie bei den jüngeren Patienten. „Außerdem“, warnt Schlegel: „handelt es sich um eine kleine Gruppe von Patienten und um eine sehr aufwändige Behandlung, die wegen des intraventrikulären Zugangs über ein Reservoir noch nicht allgemein akzeptiert ist.“ Daher sei eine große, deutschlandweite multizentrische Therapiestudie geplant.

Link: Aggressive Lymphomas (New England Journal of Medicine)

Deutsche Gesellschaft für Neurologie


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