Manipulierte Studien – und nun?

Die Pharmaindustrie manipuliere wichtige Studien, melden diese Woche einige Medien. Eine Untersuchung der Arzneimittelkommission habe dies aufgedeckt.

Das mit dem „aufgedeckt“ ist zwar nicht ganz korrekt. Der Sachverhalt ist seit langem bekannt: Mehrere Studien haben längst belegt, dass Studienergebnisse „geschönt“ werden, Studien so „designed“ werden, dass erwünschte Ergebnisse herauskommen, dass unerwünschte Resultate nicht publiziert werden, ihre Veröffentlichung gar unterdrückt wird, dass bezahlte Referenten selbst miese Resultate als „Erfolg“ verkaufen, wohlwollende Berichte in Fachmedien mit Drohgebärden erpresst werden, negative dagegen mit „Liebesentzug“ (Anzeigen-Stornierung) bestraft – und und und. Das alles ist seit Jahren bekannt (und keineswegs für „Pharma“ spezifisch). Gleichwohl ist die im aktuellen „Ärzteblatt“ veröffentlichte Analyse der Kommission wichtig. Denn leider ist es wohl so, dass sich ohne gebetsmühlenartiges und auch lautes Wiederholen kaum etwas ändert. Der offizielle Verhaltens-Kodex der forschenden Arzneimittelindustrie ist ja durchaus begrüßenswert. Aber ob der Verzicht auf 5-Sterne-Hotels und Business-Class für Firmenmitarbeiter und Referenten oder auch die Verpflichtung, keine Schleichwerbung zu betreiben, wirklich zielführend sind, sei dahin gestellt.

Und so überrascht auch nicht, dass das Ergebnis der Analyse der Kommission kein Ruhmesblatt für die Verantwortlichen in der pharmazeutischen Industrie ist – und auch nicht für die beteiligten Wissenschaftler und Medien.

57 Studien haben die Wissenschaftler der Kommission ausgewertet.  „Das für mich erschreckendste Ergebnis war, dass unerwünschte Arzneiwirkungen bewusst zurückgehalten werden“, wird Dr. Gisela Schott im „Focus“ zitiert. So nehme die Pharmaindustrie direkt Einfluss auf die Studienprotokolle. Und falls die Ergebnisse nicht im Sinne des Auftragsgebers seien, würden sie einfach zurückgehalten. „Da gibt es zum Beispiel Verträge zwischen Ärzten an der Klinik und der Pharmafirma, wonach Ergebnisse erst dann veröffentlicht werden dürfen, wenn sie das Unternehmen gesehen und abgesegnet hat“, zitiert das Nachrichtenmagazin die Fachärztin.

Gängig sei auch, dass sich ein neuer Wirkstoff nicht mit einem gleichwertigem messen müsse,, sondern mit einem bekanntlich weniger effektiven oder sehr alten Präparat. Bei Bluthochdruck-Studien wäre das zum Beispiel Atenolol. Den Schlusspunkt bilde dann die so manipulierte Veröffentlichung, und die Pharmafirma lade bestimmte Autoren ein und bezahle sie für eine positive Berichterstattung, sagt Schott.

Womit auch „zart“ angedeutet wird, dass hier der „Bösewicht“ nicht allein die natürlich nur profitgierige Industrie ist. Es soll ja Referenten gegeben haben und immer noch geben, die ihr angeblich wissenschaftliches Urteil (und wenn es in Schweigen besteht) primär von der Höhe des Vortragshonorars abhängig gemacht haben bzw. machen.
Was aber ist die Lösung? Was sicher kaum Fortschritte bringt, ist das beliebte Anprangern allein der Pharmaindustrie, die ja auch keine homogene anonyme „Masse“ ist. Im Übrigen funktioniert diese Industrie wie jede andere auch primär nach den Gesetzen des Marktes. Statt mit einer Keule auf die Industrie dreinzuschlagen, sollte man sich daher besser mit eine paar Fragen intensiver beschäftigen – etwa der zum Beispiel, warum eigentlich verantwortliche Pharmamanager und Mitarbeiter versuchen, den Erfolg eines Produktes mit fast allen Mitteln sicherzustellen? Nur die persönliche Gier nach einem Bonus? Liegt es nicht auch daran, dass schon zwei, drei Quartale mit Umsatzrückgang den Stuhl in einem börsennotierten Unternehmen kosten können, dem großen Boss und auch dem kleinen Produktmanager. Wenn es um den eigenen Geldbeutel geht, hat eben nicht nur bei Pharmabossen die Moral schlechte Karten. Wer ist dafür eigentlich verantwortlich? Sind es nicht auch die Aktionäre, die kleinen wie die großen? Eine andere Frage: Warum werden eigentlich Veranstaltungen, die von der Pharmaindustrie finanziert und gesteuert werden, überhaupt noch besucht? Könnte es daran liegen, dass diese Art der Fortbildung relativ preiswert ist, um es zurückhaltend zu formulieren? Wer ist eigentlich bereit, für werbefreie medizinische Publikationen mehr als einen anerkennenden Obulus zu zahlen, so lange es doch „Informationen“ umsonst gibt?

Hinzu kommt, dass das „Schönen“ von Studien bekanntlich kein „Privileg“ der pharmazeutischen Industrie ist. Fängt es nicht schon damit an, dass eine Dissertation mit „negativem“ Ausgang nicht so große Chancen auf „Summa cum laude“ hat wie eine Arbeit mit wunderbar positiven Resultaten? Selbst von tierexperimentellen Studien ohne „Pharmasponsoring“ werden nach einer im März publizierten Analyse fast nur die mit positiven Resultaten publiziert. Wer etwas werden will, muss eben Positives zu berichten haben. Was ja auch ein bisschen menschlich ist.

Das Problem ist also komplexer als leider vielfach dargestellt. 100prozentige Lösungen hat niemand. Transparenz und Aufklärung sind sicher Grundbedingungen. Die Registrierung von klinischen Studien und die zwingende Publikation von so genannten „Negativ-Studien“ sind daher ein Muss, ebenso die inzwischen ja fast übliche Offenlegung von Interessenskonflikten.

Ein Vorschlag ist auch, dass die Zulassung eines Medikamentes nicht von Studien abhängt, die der Hersteller finanziert und geplant hat. Ein nachvollziehbarer, wohl auch sinnvoller Vorschlag, aber wer soll solche Studien bezahlen? Das Gesundheitsministerium, also der Steuerzahler? Die Krankenkassen, also die Beitragszahler? Wie unabhängig wären solche Studien? Auch die Finanzierung aus einem Fonds, in den die pharmazeutische Industrie einzahlen muss, wäre kein absolut sicherer Garant für „objektive“ Studien. Denn wer entscheidet über die Mittelvergabe? Ist es ohnehin nicht etwas naiv zu glauben, dass Studien allein dadurch schon objektiv werden, dass sie nicht von der Industrie finanziert werden?

Fragen über Fragen also. Womit klar wird, dass die öffentliche Diskussion über das Problem in Deutschland noch am Anfang steht. Die Studie der Arzneimittelkommission enthält keine Neuigkeiten. Aber vielleicht bringt sie etwas Schwung in die Diskussionen über ein Problem, das viele seit langem beklagen, für das aber bislang noch niemand überzeugende und vor allem auch realisierbare Lösungen hat.

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