Bergsteiger-Legende Messner – Pfizers Zugpferd für Champix?

Mountaineer and author Reinhold Messner authog...
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Der ehemalige Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner ist wirklich ein guter Mensch. Vor zwei Jahren hieß es in einer deutschen Tageszeitung, geopolitisch überaus treffsicher, dass sich der Südtiroler als einer der „größten deutschen Sportler aller Zeiten“ (nebst dem Kaiser, dem Boris, der Rosi und dem Schumi natürlich) für die Organspende stark mache. Dass der Tiroler sich für den Schutz der ganz hohen und auch der weniger hohen Bergen ins Zeug wirft, ist eh klar. Und jetzt macht sich der alternde, aber immer noch erfolgreiche Selbstdarsteller sogar stark für ein rauchfreies Leben.

Was ja  durchaus nachvollziehbar bei einem mehrfachen sauerstoff-flaschenfreien 8000er-Bezwinger, der aus eigener Erfahrung weiß, was Atemnot bedeutet. Und eine gute und sinnvolle Tat ist das unstreitig auch. Ob es dem Südtiroler bewusst ist, dass er mit seinem Engagement in der jetzt in Berlin gestarteten Pfizer-Kampagne „Rauchfrei durchstarten“ auch und vielleicht vor allem Werbung macht für das Pfizer-Produkt Champix, sollte man annehmen. Denn dumm ist er sicher nicht, der Messner Reinhold. Ob er allerdings weiß, vor welchen Karren genau er sich da spannen lässt, steht auf einem anderen Blatt.

Schon seit Jahren gibt es nämlich Zweifel an der Sicherheit des Raucherentwöhnungsmittels mit dem Wirkstoff Vareniclin. Vor knapp acht Monaten erst hatte eine britische Studie ergeben, dass es zwar keine eindeutigen Belege für ein erhöhtes Suizid-Risiko durch Champix gebe. Die Datenlage sei jedoch unsicher, hieß es damals in einem Kommentar im „British Medical Journal“.

Reichlich unsicher ist, wie es scheint, auch die Datenlage zur kardiovaskulären Sicherheit des Pfizer-Präparates. Anfang Januar dieses Jahres haben zwar Dr. Nancy A. Rigotti (Boston) und ihre Kollegen in „Circulation“ gemeldet, dass Champix bei KHK-Patienten wirksam sei und nicht das kardiovaskuläre Risiko erhöhe. An der Aussagekraft der Studie gab und gibt es aber einige Zweifel. So bemerkte  damals Dr. Joseph S. Ross, Assistenzprofessor an der „Mount Sinai School of Medicine“ auf „CardioExchange“:

„Die Studie ist  eine weitere schwache Studie zur Sicherheit von Champix.“

An der in „Circulation“ publizierten Studie hatten 714 Raucher mit stabiler KHK teilgenommen und 12 Wochen lang entweder Varenicilin oder Placebo erhalten. Die kardiovaskuläre Ereignisrate nach einem Jahr betrug in der Verum-Gruppe 7,1 Prozent, in der Placebo-Gruppe 5,7 Prozent. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant, so dass die Autoren die Schlussfolgerung zogen, Champix erhöhe nicht das kardiovaskuläre Risiko.

Eine falsche Schlussfolgerung, meinte Ross. Das größte Problem, so Ross, habe er mit dem statistisch nicht signifikanten Unterschied von 1,4 Prozentpunkten bei der kardiovaskulären Ereignisrate. Damit diese Differenz signifikant hätte sein können, hätten 10 000 Patienten und nicht nur 714 an der Studie teilnehmen müssen. Bei rund 700 Patienten wäre ein Unterschied von 6,2 Prozent für eine statistische Signifikanz erforderlich gewesen. Dies aber hätte eine Ereignisrate vorausgesetzt, die über der Rate an kardiovaskulären Komplikationen durch das Rauchen selbst liege.

Die „Circulation“-Studie hatte natürlich eine kleine Vorgeschichte: 2008 hatten Ross und Dr. Harlan Krumholz, Chefredakteur des „New England Journal of Medicine“, Pfizer angeblich den Vorschlag gemacht, eine Metaanalyse zur kardiovaskulären Sicherheit von Champix vorzunehmen – und zwar mit der Methodik, die Ross und seine Kollegen dann später zur Bewertung der Vioxx-Studien von MSD verwendeten. Pfizer habe den Vorschlag damals, so Ross, abgelehnt – mit der Begründung, selbst eine Studie zu planen. Genau das hat Pfizer dann auch getan. Es handelt sich um die „Circulation“-Studie.

Die Analyse der Vioxx-Studien erschien übrigens im November des vergangenen Jahres  in den „Archives of Internal Medicine“ .

Hauptergebnis: Der Arzneimittelhersteller MSD hätte angeblich schon mehrere Jahre vor der Marktrücknahme von Vioxx von den kardiovaskulären Risiken des Cox-2-Hemmers wissen können.

Das alles muss der Ex-Bergsteiger natürlich nicht wissen. Aber wahrscheinlich will er das auch gar nicht wissen – getreu dem Motto „wes brod ich ess, des Lied ich sing“. Schaden wird ihm dieses Rühren der Werbetrommel für ein nicht umstrittenes Arzneimittel eh nicht. Ebenso wie unser Kaiser gehört der Südtiroler ja längst zu den Unantastbaren, an deren Beliebtheit wahrscheinlich keine noch so große Peinlichkeit kratzen kann.

Die jetzt von Pfizer gestartete Kampagne ist offensichtlich Teil weltweiter PR-Aktionen. In Sidney zum Beispiel hatte Pfizer letzte Woche 219 000 Zigaretten-Imitate auf dem Martinsplatz verstreut.

Die Zahl von 219 000 entspricht jener Zahl an Zigaretten, die ein Raucher mit einem täglichen Konsum von einem Päckchen Glimmstengel in 30 Jahren qualmt.

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