Kleinhirn-Ataxie: Wirksames Medikament gefunden

In einer Pilotstudie sei es Neurologen erstmals gelungen, cerebellär bedingte Koordinationsstörungen mit einem Medikament erfolgreich zu behandeln, teilt die „Deutsche Gesellschaft für Neurologie“ (DGN) heute mit: Bei 13 von 19 Patienten mit Kleinhirn-Ataxien besserten sich Koordinationsstörungen und andere Beschwerden in nur acht Wochen erheblich, nachdem sie mit einem Medikament gegen Amyotrophe Lateralsklerose behandelt worden waren. Die DGN bezieht sich dabei auf eine Studie italienischer Wissenschaftler, die gerade in „Neurology“ erschienen ist.

Sollten sich diese Resultate in größeren Untersuchungen bestätigen, so könnten von dieser Forschung alleine in Deutschland mehrere Tausend Patienten profitieren, kommentiert Professor Thomas Klockgether von der DGN die Arbeit der italienischen Kollegen. Eine Studie mit einer größeren Patientengruppe in Deutschland sei bereits in Planung, heißt es in der Pressemitteilung der DGN.

Cerebelläre Ataxien  treffen häufig Kinder und junge Erwachsene und sind – neben dem Leid der Betroffenen und der Angehörigen – auch mit erheblichen Kosten verbunden. Einige Patienten können mit regelmäßiger Krankengymnastik und logopädischen Übungen lernen, besser mit ihren Problemen umzugehen. Versuche, den Krankheitsprozess medikamentös zu verlangsamen, waren bislang aber nicht erfolgreich, schreiben Giovanni Ristori, Marco Salvetti und ihre  Kollegen vom Zentrum für Neurologie und Experimentelle Therapien.

Mit dem Wirkstoff Riluzol (Rilutek) habe man deshalb versucht, überaktive Nervenzellen zu regulieren, die laut neuerer Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung bei vielen Formen der Kleinhirn-Ataxie eine Rolle spielen könnten. Riluzol ist bisher ausschließlich bei Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose zugelassen. „Die Ergebnisse dieser Pilotstudie sind überaus beeindruckend. Fast alle Patienten haben von Riluzol profitiert und bei 13 von 19 Patienten besserten sich die Beschwerden erheblich. Bemerkenswert ist auch, dass diese bedeutsamen Verbesserungen in nur acht Wochen erzielt wurden und dass es zu keinen nennenswerten Nebenwirkungen kam“, so DGN-Experte Professor Thomas Klockgether, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Bonn. Gleichzeitig seien die kurze Studiendauer und die unausgewogene Zusammensetzung der beiden Vergleichsgruppen jedoch Faktoren, die die Aussagekraft der italienischen Untersuchung einschränken, so Klockgether. Nach diesen ersten hoffnungsvollen Ergebnissen seien daher Überlegungen für eine möglichst große Studie auch in Deutschland – möglicherweise gefördert vom Bundesforschungsministerium und der Deutschen Forschungsgesellschaft – im Gange.

Bei der gerade veröffentlichten italienischen Studie waren am S. Andrea Hospital der Medizinischen Fakultät II der Sapienza-Universität Rom insgesamt 38 Patienten im Alter zwischen 20 und 78 Jahren im Losverfahren auf zwei Gruppen verteilt worden. Die eine Gruppe hatte acht Wochen lang zwei Mal täglich Tabletten mit 50 Milligramm Riluzol erhalten, die andere Gruppe ein Placebt. Gemessen wurde der Nutzen der Behandlung anhand der 100 Punkte umfassenden Skala ICARS (International Cooperative Ataxia Rating Scale). Hier verbesserten sich im Vergleich zum Ausgangswert bereits nach vier Wochen 9 von 19 Patienten um fünf oder mehr Punkte gegenüber lediglich einem Patienten unter Placebo. Nach acht Wochen hatten sich sogar 13 Patienten unter Riluzol um mindestens fünf Punkte verbessert, aber weiterhin nur einer, der ein Scheinmedikament erhalten hatte. Im Durchschnitt hatten die Riluzol-Empfänger zum Studienende sieben Punkte hinzugewonnen – ein statistisch signifikanter Unterschied zu den 0,16 Punkten, um die sich die Placeboempfänger verschlechtert hatten. Dies sei ein „substanzieller klinischer Effekt innerhalb eines derart kurzen Zeitfensters“, kommentierten Salvetti und Kollegen.

Verschiedene Unterskalen der ICARS erlaubten es den Wissenschaftlern, Veränderungen bezüglich verschiedener Beschwerden getrennt zu erfassen. Sowohl für die Körperhaltung als auch für die Bewegungskoordination wie auch für das Sprechvermögen konnten sie dabei hochsignifikante Verbesserungen unter Riluzol belegen – einzig bei den Augenbewegungen ergab sich kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen. „Bisher konnte den meisten Ataxie-Patienten nur mit Krankengymnastik und logopädischen Übungen geholfen werden“, sagt Professor Hans-Christoph Diener (Essen): „Nun sieht es so aus, als ob wir endlich auch ein wirksames Medikament für die Mehrzahl aller Fälle anbieten können.“

Lediglich vier Meldungen über milde Nebenwirkungen wurden erfasst: Zwei Verum-Empfänger zeigten erhöhte Leberwerte (Alanin-Aminotransferase >1,5 über Normallimit), und in beiden Gruppen litt jeweils ein Patient vorübergehend unter Schwindel. Insgesamt könnten diese Ergebnisse den Langzeitgebrauch von Riluzol bei Patienten mit chronischen Kleinhirn-Ataxien rechtfertigen, meinen die italienischen Wissenschaftler. Weitere Studien mit längerer Beobachtungsdauer und größeren Patientendaten zur Bestätigung der Ergebnisse seien zwar notwendig. Dann aber könne Riluzol womöglich als symptomatische Therapie der ersten Wahl betrachtet werden, und zwar bereits noch während die oftmals aufwändige und zeitraubende Diagnose der genauen Ataxie-Form im Gange ist – oder sogar als zusätzliche Therapie bei heilbaren Formen der Kleinhirn-Ataxie.

Hintergrundinformationen über Ataxien

Als Ataxien werden Krankheiten des Kleinhirns und seiner Verbindungen bezeichnet, deren gemeinsames Merkmal fortschreitende oder wiederkehrende Störungen der Bewegungskoordination sind. Der Verlust von Nervenzellen führt dabei zu einem fehlerhaften Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen und oft zu Störungen des Gleichgewichts, der Körperhaltung und des Lagesinns. Das Greifen von Gegenständen wird ebenso erschwert wie das Gehen und das Sprechen. Abhängig vom Typ der Ataxie können Schwäche und Muskelschwund hinzukommen und in der Folge Deformationen des Skelettes, Störungen des Seh- und Hörvermögens oder vielfältige andere Beeinträchtigungen.

Da es sehr viele unterschiedliche Arten von Ataxien gibt, die zudem oftmals nur schwierig zu diagnostizieren sind, variieren auch die Schätzungen zu der Zahl der Patienten in Deutschland zwischen etwa 4000 bis zu 15 000. Zu den erblichen Ataxien zählen die Friedreich-Krankheit, die Ataxie-Telangiektasie, und die Gruppe der spinozerebellären Ataxien (SCA) mit mehr als 25 genetischen Subtypen. Außerdem gibt es nicht genetisch bedingte Ataxien wie die Multisystematrophie (MSA), Ataxien als Folge von Alkoholmissbrauch oder Tumorerkrankungen des Kleinhirn, die Gluten-Ataxie als Folge eines Zusammenspiels des Getreideinhaltsstoffes Gluten mit bestimmten erblichen Merkmalen sowie die so genannten sporadischen Ataxien unbekannter Ursache im Erwachsenenalter (SAOA).

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s