Dichloracetat: Hoffnung für Hirntumor-Patienten?

Angesichts exorbitanter Therapiekosten in der Onkologie sind wirksame, verträgliche und dennoch bezahlbare Krebsmedikamente ein großer Traum. Das simple Molekül Dichloroacetat (DCA) weckt seit einigen Jahren Hoffnungen. Nun ist es bei fünf Patienten mit Glioblastomen getestet worden – mit recht positivem Resultat, heißt es in „Nature“.

Vor Selbsversuchen sei jedoch dringend gewarnt: Es sei noch viel zu früh, um irgendwelche Aussagen zur Wirksamkeit von DCA bei Krebskranken treffen zu können, sagt Studienleiter Dr. Evangelos Michelakis, Kardiologe an der Universität von Alberta, dessen kleine klinische Studie zu DCA jetzt in „Science Translational Medicine“ erschienen ist. Die Substanz sei allerdings sehr interessant – auch wegen des sehr wahrscheinlich geringen Preises.

DCA hat eine bewegte Vergangenheit. Vor drei Jahren berichteten der Kardiologe und seine Kollegen, dass die Substanz bei Ratten das Tumorwachstum bremse, indem es den in den Mitochondrien von Krebszellen reduzierten Glukosemetabolismus stimuliere und die Zellen so wieder anfällig für den programmierten Zelltod mache.

DCA wurde als Hemmstoff der mitochondrialen Pyruvatdehydrogenase bereits seit langem bei Patienten mit angeborenen Erkrankungen durch gestörte Mitochondrienfunktion und bei Laktatazidose verwendet. Das Salz der Dichloressigsäure soll sich dabei als recht gut verträglich erwiesen haben. Es könne relativ rasch bei Krebskranken geprüft werden, schlug Michelakis vor. Da DCA aber nicht patentierbar war, investierte natürlich kein Arzneimittelunternehmen in klinische Prüfungen mit DCA. Durch viele Medienberichte aufmerksam geworden und trotz Warnungen, etwa im „New Scientist“, besorgten sich jedoch einige Krebspatienten DCA und therapierten sich selbst.

Ihre aktuelle klinische Studie finanzierten Michelakis und seine Kollegen nun mit privaten Spenden – nach ihren Angaben in Höhe von hunderttausenden US-Dollars. Auch das „Canadian Institutes of Health Research” soll dazu beigetragen haben.

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler Glioblastom-Gewebe von 49 Patienten und stellten bei allen mitochondriale Störungen, gegen die DCA wirkt. Daraufhin behandelten sie fünf Patienten bis zu 15 Monate lang mit DCA. Bei drei Krebskranken konnten sie den Ausgangsbefund und den Befund nach der Therapie miteinander vergleichen (MRT). Bei allen drei Patienten gab es laut Michelakis Hinweise darauf, dass sich das Tumorwachstum verlangsamt hatte.

Diese Ergebnisse seien zwar vorläufig, könnten aber dennoch das Interesse pharmazeutischer Unternehmen wecken, meinte dazu Dr. Lewis Cantley, Krebsforscher an der „Harvard-Universität“ in Boston. Für die Unternehmen sei es zwar nicht interessant, mit DCA selbst zu forschen bzw. zu vermarkten. Sie könnten aber DCA zu selektiveren Wirkstoffen weiterentwickeln.

Michelakis selbst warnt auf jeden Fall davor, sich DCA zur Selbstmedikation besorgen. Noch wisse man viel zu wenig, etwa über mögliche Wechselwirkungen mit anderen Substanzen. Und ob DCA wirklich gut verträglich ist, kann derzeit auch nicht mit ausreichender Sicherheit gesagt werden. 2006 etwa wurde in den USA eine klinische Studie mit 30 Patienten wegen peripherer Nervenschäden unter DCA abgebrochen. Positive Effekte bei den Patienten mit so genannter „MELAS“ (mitochondriale Myopathie, Enzephalopathie, Laktatazidose und Schlaganfall-ähnlichen Symptomen) seien nicht festgestellt worden, berichteten die Autoren in „Neurology“.

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