Schlechte Karten für “Pink Viagra“

Die Chancen für Flibanserin, das so genannte “Viagra für die Frau”, scheinen nicht besonders gut zu sein. Morgen berät ein FDA-Gremium darüber, ob die Zulassung des Boehringer-Ingelheim-Präparates empfohlen werden soll; doch schon im Vorfeld wurden in einem FDA-Report, der als eine Grundlage für das Treffen am Freitag dient, einige kritische Aspekte zu Flibanserin (vorgeschlagener Name ist Girosa) geäußert. Laut dem FDA-Report haben zwar einige Frauen über mehr sexuell befriedigende Erlebnisse unter Flibanserin berichtet. Eine statistisch signifikante Zunahme des sexuellen Verlangens sei aber nicht nachgewiesen worden.

Auch das Unternehmen selbst erklärt in einem Bericht für das Beratungsgremium der FDA, dass nur in einer von drei Studien eine signifikante Zunahme festgestellt worden sei. Die beiden anderen Studien hätten allerdings einen positiven Trend gezeigt. Außerdem hätten Frauen unter Flibanserin bei einem speziellen Score (‘Female Sexual Function Index – Desire Items’), mit dem das sexuelle Verlangen über knapp einen Monat quantifiziert werde, besser abgeschnitten.

Der beobachtete positive Effekt auf das sexuelle Verlangen war aber wohl einigen Frauen nicht ausreichend genug angesichts der Nebenwirkungen wie Obstipationen, Schwächegefühle und Appendizitiden: 15 Prozent der Studienteilnehmerinnen unter Flibanserin stiegen vorzeitig aus.

Boehringer Ingelheim wirbt seit geraumer Zeit – auch in Deutschland – für mehr „awareness“ für eine Störung (und damit indirekt für ihr Produkt), die als „Hypoactive Sexual Desire Disorder“ (HSDD) bezeichnet wird. Kritiker sehen das als einen typischen Fall von „disease mongering“, „Krankheitserfindung“ oder auch Medikalisierung der Gesellschaft an.

Flibanserin, einmal täglich 100 Milligramm, steigere bei Frauen mit verminderter Libido signifikant die Lust auf Sex und die Häufigkeit eines zufriedenstellenden Sexualverkehrs, hieß es zum Beispiel  letztes Jahr beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Sexualmedizin in Lyon. Laut Boehringer Ingelheim klagen in den USA zehn Prozent aller Frauen über ein vermindertes sexuelles Verlangen. Nach Angaben des Sexualforscher Dr. Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule leiden möglicherweise sogar bis zu 30 Prozent aller Frauen an gestörter Libido.

Flibanserin, auch als pink Viagra bezeichnet, ist kein Hormon, sondern ein Serotoninwiederaufnahme-Hemmer sowie partieller Dopamin-D4-Agonist. Im Gegensatz zu (blue) Viagra ist die Therapie mit Flibanserin eine Dauertherapie. Die Wirkung setzt nicht innerhalb von ein oder zwei Stunden ein. Signifikante Unterschiede zu Placebo waren in den Studien erst nach etwa vier Wochen vorhanden.

Als Antidepressivum konnte Flibanserin in klinischen Studien übrigens nicht so recht überzeugen. Allerdings machte die Forscher bei den klinischen Studien etwas stutzig: Viele Frauen wollten Flibanserin unbedingt weiter einnehmen. Der Grund wurde bald klar:  Das Antidepressivum steigerte das sexuelle Verlangen. Studien bei Frauen mit verminderter Libido waren daher naheliegend – zumindest aus der Sicht des Unternehmens.

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