Metaanalyse zu Sartanen und Krebs: Viel Kritik, aber nicht nur

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat gerade angekündigt, den möglichen Zusammenhang zwischen Sartanen und Krebs prüfen zu wollen. Anlass ist, wie gemeldet, eine Metaanalyse, die vor wenigen Tagen in der Zeitschrift „Lancet Oncology“ erschienen ist und eine geringe Zunahme der Krebsinzidenz unter Sartanen ergeben hat. Mehrere Bluthochdruck-Forscher halten die Analyse von Dr. Ilke Sipahi (Cleveland) jedoch für methodisch völlig unzureichend. Nach Ansicht von Professor Hermann Haller von der MHH hätte die Metaanalyse nie publiziert werden dürfen. Und Professor Sverre Kjeldsen von der Universität von Oslo will nicht einmal ausschließen, dass hinter der Publikation Wettbewerber der Sartan-Hersteller stehen. Diese teilweise harsche Kritik wird allerdings nicht von allen Kollegen geteilt.
In der Metaanalyse ist eine um acht bis elf Prozent erhöhte Krebsinzidenz unter Sartanen herausgekommen. Laut Studienleiter Sipahi ist das mögliche individuelle Risiko zwar sicher sehr gering. Aber angesichts der Tatsache, dass weltweit rund zehn Millionen Patienten mit Sartanen behandelt würden, könnte auch eine solche kleine Risikozunahme von großer Relevanz sein. Die US-Arzneimittelbehörde müsste sicher daher die Daten genau anschauen.
Die Sipahi-Studie sei ein Beispiel für schlechte Wissenschaft, äußerte hingegen Haller gegenüber dem US-Portal „heartwire“.
Haller: „Mir fehlen einfach die Worte.“ Grundlegende Fragen seien in der Studie nicht beantwortet worden. Angaben über andere Risikofaktoren fehlten. Ein wichtiger, von mehreren Wissenschaftlern geäußerter Kritikpunkt ist der fehlende Pathomechanismus zwischen Sartan-Therapie und Krebs-Genese. Es sei, so der überwiegende Tenor, extrem unwahrscheinlich, dass eine Pharmakotherapie innerhalb von nur zwei bis vier Jahren maligne Tumoren induziere. Auch der Präsident der US-Bluthochdruck-Gesellschaft Professor George Bakris hält die Analyse für reichlich unzureichend. Irritierend und nicht in Ordnung ist aus seiner Sicht auch, dass das Editorial von Professor Steven Nissen (Cleveland) geschrieben wurde, dessen Student der Studienautor Sipahi war. Darauf hätte man beim „Lancet Oncology“ schon mehr achten müssen, so Bakris. Die Studiendaten könnten zu einer großen Verunsicherung führen mit der Folge, dass viele Patienten ihr Sartan nicht mehr nähmen, befürchtet darüber hinaus Professor Björn Dahlöf („Sahlgrenska University Hospital“ in Ostra).

Angeblich schlechte Wissenschaft
Auch für Kjeldsen von der Europäischen Bluthochdruck-Gesellschaft ist die Sipahi-Arbeit ganz schlechte Wissenschaft. Bevor „Lancet Oncology“ die Studie akzeptiert habe, sei sie vom „Lancet“ selbst abgelehnt worden. So seien zum Beispiel nur ein paar Studien für die Metaanalyse ausgewählt worden. Die VALUE-Studie mit dem Novartis-Sartan Valsartan habe Sipahi zum Beispiel nicht berücksichtigt, so Kjeldsen, der Koordinator der VALUE-Studie war. In dieser Studie seien unter Valsartan zum Beispiel weniger Krebsfälle (81) aufgetreten als unter der Vergleichstherapie. Hätte Sipahi die Valsartan-Studie in der Metaanalyse berücksichtigt, wäre kein Anstieg der Krebsinzidenz herausgekommen. Sipahi habe jedoch nicht einmal Kontakt mit den VALUE-Autoren aufgenommen, was Sipahi allerdings mit Verweis auf E-Mail-Anfragen an Studienleiter Professor Stevo Julius (Ann Arbor) bestreitet. Julius habe ihm mitgeteilt, dass in VALUE keine Daten zur Krebsinzidenz erhoben worden seien. Julius selbst sagte gegenüber „heartwire“, dass er sich nicht erinnern könne. Er habe außerdem keine VALUE-Daten zur Krebsinzidenz. Die habe das Unternehmen Novartis.

Angeblich gute Wissenschaft
Für Dr. Lars Lindholm von der Umea Universität (Schweden) ist die Publikation der Daten dagegen berechtigt. Außerdem sei „Lancet Oncology“ eine gute Fachzeitschrift und die Metaanalyse von vier Gutachtern geprüft und akzeptiert worden. Solche Daten sollte man immer ernst nehmen. Laut Dr. Murray Esler („Baker Heart Research Institute“ in Melbourne) ist die Metaanalyse korrekt durchgeführt worden. Die selektierten Studien hatten zum Beispiel die Krebsinzidenz als einen Endpunkt. Und wenn es tatsächlich einen, wenn auch nur geringen Inzidenzanstieg unter Sartanen gebe, sollte dies nicht auf die leichte Schulter genommen werden.
Nicht überraschend ist sicher, dass auch das „arznei-telegramm“ in seiner neuen Ausgabe (6) die Metaanalyse von Sipahi als„methodisch sorgfältig durchgeführt“ bezeichnet. Ebenso wenig überrascht die Schlussfolgerung: „Wir stufen aus der Substanzklasse aufgrund der Nutzenbelege aus Endpunktstudien ausschließlich Losartan (bei Hypertonie) und Candesartan (bei Herzinsuffizienz) als Mittel der letzten Reserve ein, wenn ACE-Hemmer gebraucht, aber nicht verwendet werden können. Für Me-too-Präparate wie Telmisartan oder Valsartan, für die in Studien trotz Blutdrucksenkung kein Nutzen belegt ist, sehen wir keine Indikation.“

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