Wissenschaftliche Kritik und ein Kreuzzug gegen die Statine

Braucht wirklich jeder ein Statin, nur weil er gefährdet ist, eine Herzkrankheit zu entwickeln? Nein, meinen britische und französische Autoren, deren Studien zusammen mit einer dritten Arbeit und einem Editorial jetzt online in den  „Archives of Internal Medicine“ erschienen sind. Im Zentrum der Kritik steht dabei die „JUPITER“-Studie mit Rosuvastatin (Crestor) vom Unternehmen AstraZeneca. Die Kritik hat allerdings ein „Geschmäckle“: Einige Kritiker haben nicht nur Zweifel an der Studie, sondern an der Cholesterin-These überhaupt. Und ihre Kritik ist nicht immer, wenn überhaupt, eine wissenschaftliche Kritik.

Bei Herzgesunden hätten die Lipidsenker keinen lebensverlängernden Effekt, berichten Professor Kausik Ray (Cambridge) und seine Kollegen. Sie hatten elf Studien mit über 65 000 Personen ausgewertet. Je 50 Prozent nahmen entweder ein Statin oder ein Placebo. Während der Bobachtungszeit von allerdings nur knapp vier Jahren starben 2793 Studienteilnehmer, 1346 unter einer Statin-Therapie, 1447 unter Placebo. Das LDL-C war erwartungsgemäß in der Statin-Population mit 94 versus 134 mg/dl niedriger. Für die Sterberaten hatten die LDL-C-Wert jedoch keine Bedeutung. Die in der so genannten JUPITER-Studie mit Crestor beobachtete Reduktion der Gesamt-Sterberate von 20 Prozent sei ein extremes Ergebnis, wie man es häufiger bei vorzeitig beendeten Studien finde, meinen Ray und seine Kollegen.

Ähnlich sehen das auch die französischen Autoren der zweiten publizierten Studie unter Leitung von Dr. Michel de Lorgeril (Grenoble). Die JUPITER-Studie hätte niemals vorzeitig (nach knapp zwei Jahren) beendet werden dürfen, meinen de Lorgeril und seine Kollegen. Außerdem sei ein Interessenskonflikt bei einem der wichtigsten beteiligten Wissenschaftler, dem Briten Professor Rory Collins, nicht auszuschließen. Collins hatte zusammen mit seinen Kollegen den vorzeitigen Stopp der Studie beschlossen. Bei Studienleiter Professor Paul Ridker und Entwickler des CRP-Tests (hsCRP) wiederum sei der Interessenskonflikt ohnehin klar. Zudem hätten neun von 14 Autoren Beziehungen zum Sponsor der Studie AstraZeneca gehabt. Und: Beim primären Endpunkt habe es nur marginale Unterschiede gegeben. Außerdem fehlten in der Publikation Angaben zur kardiovaskulären Mortalität.

Auch die Autoren einer weiteren  Publikation in den „Archives“ halten die extreme Mortalitätsreduktion in JUPITER für eine Folge des vorzeitigen Studien-Abbruchs. Mit einer speziellen stochastischen Analyse errechneten sie zum Beispiel eine Reduktion der Gesamt-Sterberate um acht statt 20 Prozent. Dies habe natürlich auch erhebliche Konsequenzen für die Zahl der Patienten, die mit Crestor behandelt werden müssten, um einen Todesfall zu verhindern. Und dies sei natürlich auch ökonomisch sehr relevant, erklären die Kardiologen um Professor Sanjay Kaul (Los Angeles). Er, so Kaul, sei auch strikt gegen einen vorzeitigen Abbruch der Placebo-kontrollierten Statin-Studie gewesen. JUPITER liefere außerdem keine Belege dafür, dass eine routinemäßige CRP-Bestimmung (hsCRP) berechtigt sei.

Der von den französischen Autoren heftig angegriffene Ridker betreitet nun keineswegs, dass er an dem hsCRP-Test verdient. Aber, so Ridker, dies ändere ja nichts an den Fakten der Studie. Außerdem besitze nicht er, sondern die Klinik, an der er arbeite, die Patentrechte an dem Test. Der vorzeitige Abbruch von JUPITER sei zudem angesichts der Ergebnisse absolut berechtig gewesen. Und selbst wenn die Mortalitätsreduktion um 20 oder 30 Prozent überschätzt worden wäre, bliebe immer noch ein relevanter Nutzen übrig. Die Publikation der französischen Kollegen enthalte ohnehin viele Fehler und hätte so nie publiziert werden dürfen, meinte Ridker gegenüber dem US-Portal „heartwire“.

Auch Professor Steven Nissen (Cleveland Clinic in Ohio), der nicht an der JUPITER-Studie beteiligt war, verteidigt die Crestor-Studie, Ridker und Collins: Die französischen Autoren hätten keine neuen Daten geliefert, sondern sich im Wesentlichen darauf konzentriert, die Studie als möglicherweise manipuliert darzustellen und Ridker sowie Collins zu diskreditieren. Nissen: „Die Arbeit von de Lorgeril ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern mehr ein Anschlag.“ Collins zum Beispiel habe angesichts der Daten gar keine andere Wahl gehabt, als die Studie zu beenden.

Hinter der teiweiese sehr harschen Kritik an der “JUPITER“-Studie mit Crestor steckt möglicherweise eine internationale Gruppe von Cholesterin-Gegnern: Dr. Michel de Lorgeril und Dr. Harumi Okuyama, einer der Koautoren der französischen Publikation, sind Mitglieder der Organisation “The International Network of Cholesterol Skeptics” (THINCS), die an der „Cholesterin-These“ generell zweifelt. Mitglieder sind auch zwei Deutsche: Professor Dieter Borgers von der Abteilung für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum in Düsseldorf und der Ernährungswissenschaftler Dr. Nicolai Worm aus München. Mitglied war auch der inzwischen gestorbene Diabetologe Professor Michael Berger.

Man kann daher trefflich darüber streiten, ob die Publikation von de Lorgeril eine wissenschaftliche Publikation genannt werden sollte. Dies bedeutet sicher nicht, dass jegliche Kritik an der Cholesterin-These im Allgemeinen und den Statinen im Besonderen völlig unberechtigt ist. Die Publikation von de Lorgeril und seinen Mitstreitern hat aber mit ihren Angriffen auf die Integrität einiger Wissenschaftler schon mehr den Charakter eines Kreuzzuges als einer rein wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Insofern wäre es interessant zu wissen, wie eine solche Arbeit in eine wissenschaftliche Zeitschrift kommt. Laut Dr. Rita Redberg, Chefredakteurin der “Archives of Internal Medicine”, unterliegen alle Arbeiten einem Peer-Review-Verfahren.

Link: “The International Network of Cholesterol Sceptics” von Harriet Hall

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