Fördert Champix Gewalt-Phantasien?

Rauchen ist gefährlich, aber das Raucher-Entwöhnungsmittel Champix sei auch nicht ohne, sagen Kritiker. Das ist nicht neu – seit geraumer Zeit wird das Pfizer-Medikament mit dem Wirkstoff Vareniclin in Zusammenhang mit Suiziden und Suizidgedanken gebracht. Auch das kardiovaskuläre Risiko soll unter Champix erhöht sein. Und nun wird das Präparat auch noch verdächtigt, gewalttätiges Verhalten zu fördern. 26 Kasuistiken dazu haben die US-Wissenschaftler Thomas J. Moore, Joseph Glenmullen und Curt D. Furberg gesammelt und jetzt in den „Annals of Pharmacotherapy“ publiziert.
Aufgeführt wird da zum Beispiel eine Frau, die während einer Autofahrt der Fahrerin, ihrer 17-jährigen Tochter, plötzlich auf den Mund schlägt. Eine 24-jährige Frau haut im Bett einfach so auf ihren Freund ein und gibt als Begründung an, er habe so friedvoll ausgesehen. Später versucht die junge Frau, sich das Leben zu nehmen. Ein 42-jähriger Mann geht beim Bowling auf einmal auf einen fremden Mann mit den Fäusten los. Bei der dadurch ausgelösten Schlägerei werden ihm zwei Frontzähne ausgeschlagen. Eine Frau prügelt auf einen Polizisten ein, eine 21-Jährige bedroht ihre Mutter mit einer Schusswaffe.
Das alles sind natürlich nur Kasuistiken oder auch nur Anekdoten –ohne jede Beweiskraft dafür, dass Champix irgendetwas mit dem recht bizarren Verhalten zu tun hatte.
Aber das Problem soll viel größer sein, als etwa in den offiziellen Statistiken der FDA angegeben, meint der Pharmaanalyst Jim Edwards und beruft sich dabei unter anderem auf Erfahrungen von Champix-Patienten. Das Pfizer-Präparat werde sogar in Zusammenhang gebracht mit dem Tod des texanischen Pianisten und Gitarristen Carter Albrecht, der im September 2007 in Dallas von einem Nachbarn erschossen wurde. US-Piloten ist Champix vor zwei Jahren übrigens verboten worden.

Für mehr Klarheit können allerdings nur wissenschaftliche Studien sorgen. Aber selbst die Ergebnisse von großen Studien und auch Metaanalysen haben die Zweifel an der Sicherheit von Vareniclin nicht beseitigen können. Eine im April dieses Jahres publizierte Metaanalyse der norwegischen Wissenschaftlerin Dr. Serena Tonstad (Oslo) etwa kam zu dem Schluss, dass es keine Belege für eine Zunahme psychischer Nebenwirkungen unter Champix im Vergleich zu Placebo gebe. Da die Autorin jedoch von Pfizer Honorare, unter anderem für Beratungstätigkeit, erhalten hatte, wird die Glaubwürdigkeit angezweifelt. Auch eine britische Kohortenstudie mit über 80 000 Patienten, die im vergangenen Winter im „British Medical Journal“ publiziert wurde, lieferte nach Angaben der Autoren keine eindeutigen Belege dafür, dass Vareniclin gefährlich sei. In dieser Studie mit 80 660 Männern und Frauen hatten Professor David Gunnell und seine Kollegen untersucht, ob Champix mit einem erhöhten Risiko für Suizide und suizidalem Verhalten einhergeht. Verglichen wurde diese Therapie mit Bupropion (Zyban) und einer Nikotin-Ersatztherapie. Die Dauer der Verlaufsbeobachtung betrug rund anderthalb Jahre. 63 265 Patienten erhielten eine Nikotin-Ersatztherapie, 6422 Bupropion und 10 973 Vareniclin. Nach Angaben der Autoren von der Universität von Bristol und der britischen Arzneimittelbehörde gab es keine sicheren, statistisch signifikanten Belege dafür, dass Vareniclin das Risiko für Suizide und nicht-tödliche Suizidversuche erhöht. Patienten mit dem Nikotin-Agonisten hatten auch nicht häufiger Depressionen oder Selbstmordgedanken. Die Aussagekraft der Studie sei jedoch – methodisch bedingt – limitiert, berichteten die Autoren selbst und auch der Kommentator Professor Jill E. Lavigne aus Rochester in den USA.
Unsicher ist offensichtlich auch die Datenlage zur kardiovaskulären Sicherheit des Pfizer-Präparates. Im Januar dieses Jahres hatten zwar Dr. Nancy A. Rigotti (Boston) und ihre Kollegen in „Circulation“ gemeldet, dass Champix bei KHK-Patienten wirksam sei und nicht das kardiovaskuläre Risiko erhöhe. Wie aussagekräftig aber ist die Studie, auf der diese Aussage beruht? Dr. Joseph S. Ross, Assistenzprofessor an der „Mount Sinai School of Medicine” hatte da erhebliche Zweifel. Die Studie sei eine weitere „schwache“ Studie zur Sicherheit von Champix.
An der in „Circulation“ publizierten Studie nahmen 714 Raucher mit stabiler KHK teil. Sie erhielten 12 Wochen lang entweder Varenicilin oder Placebo. Die kardiovaskuläre Ereignisrate nach einem Jahr betrug in der Verum-Gruppe 7,1, in der Placebo-Gruppe 5,7 Prozent. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant, so dass die Autoren die Schlussfolgerung zogen, Champix erhöhe nicht das kardiovaskuläre Risiko.
Diese Schlussfolgerung hielt Ross jedoch für falsch. Seine Begründung:
1. Von der Studie ausgeschlossen waren Raucher mit invasiver Therapie oder instabiler Angina pectoris einschließlich Herzinfarkt innerhalb von zwei Monaten vor Studienbeginn. Diese Patienten, so Ross, seien jedoch genau die Patienten mit der stärksten Motivation, das Rauchen aufzugeben, und vor allem mit dem größten kardiovaskulären Risiko.
2. Die Therapie mit Vareniclin wurde nur 12 Wochen lang kontrolliert. Es sei aber davon auszugehen, dass die meisten Patienten (über 50 Prozent) sich weiter mit dem Raucher-Entwöhnungsmittel behandelten.
3. Das größte Problem, so Ross, habe er allerdings mit dem statistisch nicht signifikanten Unterschied von 1,4 Prozentpunkten bei der kardiovaskulären Ereignisrate. Damit diese Differenz statistisch signifikant hätte sein können, hätten 10 000 Patienten und nicht nur 714 an der Studie mit einer „Power“ von 80 Prozent teilnehmen müssen. Bei rund 700 Patienten wäre erst ein Unterschied von 6,2 Prozent für eine statistische Signifikanz erforderlich gewesen. Dies aber hätte eine Ereignisrate zur Voraussetzung gehabt, die über der Rate an kardiovaskulären Komplikationen durch das Rauchen liege.
Vielleicht sind es die insgesamt wenig positiven Nachrichten zu Champix, die Pfizer dazu bewogen haben, sich mit weltweiten Kampagnen fürs Nichtrauchen stark zu machen. Was ja im Grunde keine schlechte Sache ist. Für die im April gestartete Kampagne „Rauchfrei durchstarten“ hat der Pharmakonzern sogar den ehemaligen Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner vor den Karren spannen können. Und in Sidney zum Beispiel hat Pfizer im April dieses Jahres 219 000 Zigaretten-Imitate auf dem Martinsplatz verstreut. Die Zahl von 219 000 entspricht angeblich jener Zahl an Zigaretten, die ein Raucher mit einem täglichen Konsum von eine Päckchen Glimmstengel in 30 Jahren qualmt. Ob dieses Engagement des Pharmaunternehmens dem Präparat hilft, sei dahin gestellt. Und dass es gegen die Droge Nikotin hilft, kann man nur hoffen. Insofern ist dieses Engagement, auch wenn Marketing-Interessen beteiligt sind, durchaus ein wenig lobenswert.

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