Krebsrisiko: Entwarnung für Blutdruckmittel

Für die meisten Blutdruckmittel ist in einer neuen Metaanalyse kein erhöhtes Krebsrisiko festgestellt worden. Dies gilt vor allem Telmisartan – im Gegensatz zu einer früheren, in diesem Jahr publizierten Studie. Allein für eine Kombination aus  ACE-Hemmer und Sartan kann nach Angaben der Autoren der Metaanalyse ein um mindestens zehn Prozent vermehrtes Tumorrisiko nicht sicher ausgeschlossen werden. Belege für eine erhöhte Rate an krebsbedingten Todesfällen wurden für keine Antihypertensiva-Gruppe gefunden, auch nicht für die Kombination Sartan plus ACE-Hemmer. Die Diskussion darüber, ob Antihypertensiva, vor allem Sartane, Krebs fördern können, ist mit dieser Metaanalyse aber sicher nicht beendet, allein schon, weil Studien fehlen, die lange genug gedauert haben, um eine vermehrte Tumorrate feststellen zu können. Es bleibt abzuwarten, zu welchem Ergebnis die FDA und EMA kommen, die den Verdacht noch prüfen.

Erschienen ist die aktuelle Metaanalyse von Dr. Sripal Bangalore jetzt im „Lancet Oncology“ erschienen. Ausgewertet wurden die Daten von 324 168 Patienten aus 70 Studien.

Zur Erinnerung: Die aktuelle Metaanalyse steht in einem Gegensatz zu einer Analyse, die Mitte Juni publiziert wurde. Unter Sartanen, vor allem Telmisartan, sei die Krebsrate zwar sehr gering, aber statistisch signifikant erhöht, meldeten US-Kollegen im „Lancet Oncology”.

Die Risikozunahme betrage während eines Zeitraums von vier Jahren 1,2 Prozent. Die Aussagekraft der Metaanalyse wurde von anderen Kardiologen allerdings als sehr eingeschränkt beurteilt; die Daten sollten mit großer Vorsicht interpretiert werden.

Das Team um Dr. Ilke Sipahi (“Case Western Reserve University” in Cleveland) hatte Studien mit insgesamt drei Sartanen (Telmisartan, Candesartan und Losartan) ausgewertet. Alle Studien waren bis November 2009 erschienen. Das am häufigsten (in 86 Prozent der Fälle) verwendete Sartan war Telmisartan (Micardis). Während vier Jahren betrug die Krebsinzidenz unter den modernen Antihypertensiva 7,2 Prozent, in der Vergleichspopulation ohne Sartane exakt sechs Prozent. Am stärksten ausgeprägt und statistisch signifikant war der Inzidenzanstieg beim nicht-kleinzelligen Bronchial-Karzinom (0,9 versus 0,7 Prozent). Die Daten reichen laut Sipahi aber nicht aus, um den beobachteten Effekt auf die Krebsinzidenz als Klassen- oder als Substanzeffekt bezeichnen zu können. Eine erhöhte Krebssterblichkeit wurde nicht festgestellt.

Boehringer Ingelheim, Hersteller von Micardis, verwies in einer Pressemitteilung darauf, dass die Sicherheitsdaten aus drei großen Studien (ONTARGET, TRANSCEND und PROFESS) mit mehr als 50 000 Patienten keine Hinweise auf eine erhöhte Krebsinzidenz unter Micardis geliefert hätten. Diese Studien seien allerdings nicht für diese Fragestellung konzipiert worden, sagte damals Professor Steven Nissen (Cleveland). Metaanalysen wie die von Sipahi hätten jedoch methodisch bedingt Grenzen, erklärt Boehringer Ingelheim.

Professor Clyde Yancy, Präsident der “American Heart Association”, betonte in einem Kommentar die vielen belegten Vorteile der Sartane und ihren Stellenwert in der Therapie. Die jetzt vorgelegten Daten sollten sehr vorsichtig interpretiert werden, zum einen aus rein methodischen Gründen, zum anderen aber auch, weil es keine biologische Erklärung für die Bebachtung gebe. Selbstverständlich sollte wie mit jeder anderen Therapie auch mit Sartanen nicht sorglos umgegangen werden. Patienten, die AT-Antagonisten erhielten, sollten ihre Therapie jetzt aber auf keinen Fall ohne Rücksprache mit ihrem Arzt abrechen. Auch Professor Franz Messerli – Kardiologe aus New York – weist auf die methodisch bedingt eingeschränkte Aussagekraft der Metaanalyse hin. Außerdem, so Messerli, sei es unwahrscheinlich, dass ein Medikament in nur vier Jahren die Entstehung eines Tumors verursache.

Die Sipahi-Studie sei ein Beispiel für schlechte Wissenschaft, äußerte damals sogar Professor Hermann Haller (MHH). Haller: „Mir fehlen einfach die Worte.“ Grundlegende Fragen seien in der Studie nicht beantwortet worden. Angaben über andere Risikofaktoren fehlten. Ein wichtiger, von mehreren Wissenschaftlern geäußerter Kritikpunkt war der fehlende Pathomechanismus zwischen Sartan-Therapie und Krebs-Genese. Auch der Präsident der US-Bluthochdruck-Gesellschaft Professor George Bakris hielt die Analyse für unzureichend.

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