Evidenzbasierte Leitlinien eine Illusion?

Selbst wer fast buchstabengetreu offiziellen Leitlinien folgt, kann angeblich nicht sicher sein, dass sein Vorgehen ausreichend wissenschaftlich fundiert ist. Nur eine von sieben Therapieempfehlungen der US-Gesellschaft für Infektionskrankheiten (IDSA) basiere auf qualitativ hochwertigen Studiendaten, berichten US-Forscher in den „Archives of Internal Medicine“.

Mehr als die Hälfte der Therapieempfehlungen beruhe auf der „Experten-Meinungen“ oder auch nur auf „anekdotischem Wissen“, kritisieren der Infektiologe Dr. Ole Vielemeyer (Philadelphia) und sein Kollege  Dr. Dong Heun Lee.

„Trotz immenser Forschungsbemühungen ist die Unsicherheit noch immer groß, was die jeweils beste Therapie ist“, sagt Vielemeyer, der zusammen mit seinem Kollegen 41 Leitlinien mit über 4200 Empfehlungen der Infektiologen-Gesellschaft aus den Jahren 1994 bis 2010 geprüft hat. „Unsere Daten belegen, dass absolute Gewissheit in der Medizin eine Illusion ist.“ Laut Vielemeyer ist dies nicht beschränkt auf die Infektiologie und die Empfehlungen der US-Infektiologen-Gesellschaft. Eine andere Studie habe dies auch für die Kardiologie belegt.

Die Vorstellung, Leitlininen gäben das wirklich gesicherte und praxisrelevante Wissen wider, sei falsch. Viele notwendige Studien seien überhaupt nie durchgeführt worden, so dass Leitlinien-Empfehlungen oft davon abhingen, wer in dem Gremium sitze, das die Leitlinien erstelle. Bestätigt wurde die Kritik auch von Dr. Larry Baddour, Infektiologe an der  Mayo-Klinik in Rochester, der kürzlich ähnliche Studienergebnisse wie Vielemeyer und seine Kollegen veröffentlicht hat.

IDSA-Sprecherin Diana Olson betonte jedoch, dass die Empfehlungen der Gesellschaft zum einen mit dem jeweiligen Evidenzgrad versehen seien und zum anderen das derzeit am besten gesicherte Wissen darstelle. Auch Vielemeyer bestreitet nicht, dass Leitlinien eine wertvolle Hilfe sein könnten. Sie sollten aber nicht als Dogma betrachtet werden. Denn dann, so Vielemeyer, könnten die Empfehlungen für Patienten durchaus gefährlich werden.

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