„Skandalöse Zustände“ bei der Versorgung von Patienten mit Colitis ulcerosa?

„Wenn ein Viertel aller betroffenen Patienten ihren Dickdarm verlieren, können wir kaum von einer vergleichsweise gutartigen Darmerkrankung sprechen“, sagt Privatdozent Thomas Ochsenkühn. Dennoch seien derlei Ansichten über die Colitis ulcerosa noch immer verbreitet, erklärt der Leiter der Spezialambulanz für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) an der Universität München (LMU) in einer Pressemitteilung. Meist werde daher zu spät, zu schwach und zu kurz behandelt – vielfach jahrelang noch immer mit Cortison. „Ein Skandal“, meint Ochsenkühn. Dabei könne das Ziel nur heißen, die entzündete Darmschleimhaut „anhaltend zu heilen“.

Allein in Deutschland leiden rund 150 000 bis 200 000 oft junge Menschen an der progredient verlaufenden Colitis. Nur die Hälfte aller Patienten bleibt dauerhaft ohne Erkrankungsschub. Infolgedessen sind Patienten mit Colitis ulcerosa nachweislich häufiger arbeitslos, öfter
krankgeschrieben, früher berentet und sozial inaktiver als die Normalbevölkerung´. Ihre Lebensqualität sinke dramatisch, so Ochsenkühn. All das müsste zumindest nicht in diesem Umfang sein, schreibt Ochsenkühn zusammen mit seinem Kollegen Dr. Geert D´Haens vom Academic Medical Center Amsterdam in einem Beitrag in „GUT“.

Bereits seit einigen Jahren sind Medikamente auf dem Markt, die „das Amok laufende Immunsystem der Patienten bremsen könnten“, etwa die klassischen Immunsuppressiva und auch die TNF-alpha-Blocker. Dass dennoch die Therapieversuche bislang nur „mäßig erfolgreich“ seien, führt Ochsenkühn auf „Berührungsängste“ vieler Kollegen mit diesen modernen ( und eben auch teuren) Arzneien zurück. Selbst in den für die Behandlung maßgebenden Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften schlage sich derlei Zurückhaltung nieder.  „UMDENKEN“ lautet deshalb der Titel des vom LMU-Universitätsklinikums veranstalteten 7. CED-Symposiums am und 28. Mai 2011.

Auch der Heidelberger Gastroenterologe Professor Robert Ehehalt betonte gestern beim Internisten-Kongress in Wiesbaden, dass mit der Therapie frühzeitig begonnen werden sollte. Ziel dabei sei heute, um einen Strukturverlust der Schleimhaut zu verhindern, die rasche Mukosaheilung und nicht allein eine klinische Remission. Dies erfordere einen möglichst frühen Behandlungsbeginn mit Immunsuppressiva und TNF-alpha-Blockern. Eine solche Mukosaheilung sei mit Infliximab etwa bei bis zu 60 Prozent der Patienten möglich. Auch die aktuellen ersten 16-Wochen-Daten  der „SUCESS“ Studie zeigten eine Heilungs-Rate unter der Kombination von Azathioprin und Infliximab von 63 Prozent (steroidfreie Remissionsrate 40 Prozent). Die bisherige Strategie, nur „die Symptome zu behandeln“,  sei, so Ehehalt,  wirklich nicht mehr zeitgemäß. Vor allem sollte auch nicht vergessen werden, dass die Kolektomie eine doch „fragwürdige“ Heilung der Patienten sei. Die Patienten hätten zwar kein erhöhtes Karzinom-Risiko mehr und müssten auch keine Medikamente mehr nehmen. Ihre Lebensqualität jedoch könne erheblich sinken, da der angelegte Pouch mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen könne. So hätten die Patienten täglich fünf bis zehn Stuhlgänge – etwa die Hälfte von ihnen auch in der Nacht. Bei 13 Prozent der Patienten zum Beispiel kommt es laut Ehehalt zu einem Pouch-Versagen, bei 40 Prozent zu einer chronischen Pouchitis, bei Frauen zu einer deutlich reduzierten Spontan-Fertilität und bei Männern in 1,5 Prozent der Fälle zur Impotenz. Ehehalt: „Das Vermeiden der Kolektomie kann die Lebensqualität verbessern.“ Dennoch würden innerhalb von zehn Jahren 24 Prozent und innerhalb von 25 Jahren 30 Prozent der Patienten kolektomiert. Ehehalt betonte zudem bei dem von MSD unterstützten Symposium, dass jetzt weitere Studien notwendig seien, zum einen um herauszufinden, wie ein besonders aggressiver Verlauf der Erkrankung frühzeitig erkannt oder vorhergesagt werden könne. Zum anderen seien weitere Erkenntnisse dazu erforderlich, wie die herkömmliche Therapie zu verbessern sei und ob und wie man am besten eine Therapie mit Immunsuppressiva und TNF-alpha-Blockern beenden sollte (Exit-Strategie). Einige solcher Studien laufen bereits.

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