EHEC: weitere Tote, viele Fragen und ein Therapie-Versuch

So richtig voran geht es bei EHEC nicht. Ob es die spanische Gurke war bzw. ist, von der die Infektion ausgeht, oder mit E. Coli verseuchter Hamburger Boden, ist ähnlich unklar wie die Thesen, der „Schuldige“ seien deutsche Gülle, gentechnisch manipuliertes Obst und Gemüse oder einer Krimineller, der irgendwie Keim und Toxin in Umlauf gebracht hat. Und obwohl der Erreger identifizierte wurde, was einen sprachgewaltätigen Schreiber frohlocken ließ,  EHEC habe endlich ein Gesicht, „schneidet der Keim uns immer noch Grimassen“  um im Sprachbild zu bleiben). Sicher ist immerhin: Die Zahl der Infizierten und der Toten steigt.  Recht klar ist derweil auch, dass das RKI vor dem Gemüse-Verzehr in Norddeutschland gewarnt hat und nicht vor Gemüse aus dem Norden, was ein gar nicht so kleiner Unterschied ist und daher auch gereicht hat, norddeutsche Gemüsebauern auf die berühmte Palme zu bringen und wahrscheinlich völlig einwandfreies Gemüse in die Abfalltonne – Tendenz eher steigend. Hoffnungen beruhen nun auf einer experimentellen Antikörper-Therapie. Ob sie erfolgreich sein wird, ist natürlich völlig ungewiss, sagen Nephrologen aus Essen und Schwerin, die bereits seit einigen Jahren Erfahrungen mit dem monoklonalen Antikörper Eculizumab (Soliris) beim atypischen Hus sammeln.

Mehr Infizierte, mehr Tote – Tendenz steigend

Gestern erhöhte sich die Zahl der Todesfälle um vier auf insgesamt zehn. Allein in Schleswig-Holstein starben zwei Menschen. Im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein erlag eine 68-Jährige den Folgen des hämolytisch-urämischen Syndroms (Hus). „Tragisch ist, dass auch der Ehemann mit gesicherter EHEC-Infektion aufgenommen werden musste“, berichtete laut Agenturen ein Sprecher des Krankenhauses. Auch im Kreis Herzogtum-Lauenburg starb nach Angaben des Gesundheitsministeriums eine 84-Jährige an den Folgen des Syndroms. Eine 87-jährige Frau starb in der Nacht von Freitag auf Samstag im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).  Bereits am Donnerstag war eine 38-jährige infizierte Frau in Kiel gestorben. Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1000 bestätigte Infektionen und EHEC-Verdachtsfälle registriert. Normalerweise gibt es im ganzen Jahr etwa 900 gemeldete EHEC-Infektionen. Von den zehn Toten waren neun Frauen. Nach Angaben der WHO  entwickeln bis zu zehn Prozent der EHEC-Infizierten ein hämolytisch-urämisches Syndrom. Am stärksten betroffen ist laut Agentur-Meldungen weiterhin die Bevölkerung in Norddeutschland:

  • In Schleswig-Holstein starben bisher mindestens vier Menschen. Zudem sind 250 infiziert, mehr als 70 Menschen sind an Hus erkrankt.
  • In Niedersachsen gab es bereits mindestens drei Tote. Die Zahl der bestätigten Infektionen liegt bei 140, die der Hus-Erkrankten bei mehr als 40.
  • Aus Hamburg werden mindestens zwei Tote gemeldet, mindestens 400 Verdachtsfälle und Infektionen sind hier bekannt.
  • In Bremen ist bislang eine Frau an den Folgen der Darminfektion gestorben.. Außerdem werden 50 Verdachtsfälle und 28 Patienten mit Hus gemeldet.

In südlichen Bundesländern liegt die Zahl der Betroffenen bisher insgesamt deutlich niedriger. So meldet Hessen 34 Fälle, Bayern 23 und Baden-Württemberg fünf. In Rheinland-Pfalz erkrankte eine Frau schwer, ihr Zustand soll sich jedoch stabilisiert haben. Laut WHO sind 86 Prozent der Infizierten mindestens 18 Jahre alt und 67 Prozent Frauen. Normalerweise seien Kinder und alte Menschen Betroffen. Nach Angaben der WHO gibt es derzeit aber auch Schulkinder,  bei denen eine Infektion mit dem Toxin-bildenden Keim festgestellt wurde.

Eculizumab: die ultima ratio in immer mehr Kliniken

Hoffnungen setzten behandelnde Kollegen in mehreren klinischen Zentren jetzt auch auf eine in diesem Zusammenhang experimentelle Therapie mit dem monoklonalen Antikörper Eculizumab  vom Unternehmen Alexion der bislang als „orphan drug“ für die Behandlung von Patienten mit paroxysmaler nächtlicher Hämoglobinurie (PNH) zugelassen ist. Der Antikörper bindet an das Komplement-Protein C5 und verhindert dadurch die terminale Aktivierung der Komplement-Kaskade, die beim PNH zur Zerstörung der Erythrozyten führt. Kanadische, französische und deutsche Wissenschaftler hatten vor wenigen Tagen in einem Brief an das „New England Journal of Medicine“  (NEJM) über Erfolge bei drei Kleinkindern mit Hus als Folge einer E.-coli-Infektion berichtet. Ob diese Therapie auch erwachsenen Patienten mit dem EHEC-induzierten Syndrom hilft, ist allerdings unklar. Einer der Ärzte in Deutschland, die Hus-Patienten mit dem Antikörper behandeln, ist laut „Science“  Professor Andreas Kribben (Universitätsklinikum Essen).

„Wir haben sieben Hus-Patienten, behandeln aber nur die zwei Patienten, bei denen die Plasmapherese nicht hilft“, wird Kribben zitiert. Anders als seine Heidelberger Kollegen hatte Kribben bei dem Hus-Patienten, bei dem er mit der Antikörper-Therapie bereits am Mittwoch vor Publikationen des Briefes im „NEJM“  begonnen hatte, leider keinen Erfolg. Skeptisch sieht die Antikörper-Therapie laut „Science“ der Schweriner Nephrologe Professor Jens Nürnberger„Es gibt keine wirkliche Evidenz. Vielleicht wirkt die Therapie, vielleicht aber auch nicht“. Die drei Erfolge mit dem Antikörper, die im „NEJM“ beschrieben werden, könnten auch auf spontanen Remissionen beruhen. Trotzdem sei es richtig, diese Therapie jetzt als „utima ratio“ zu erproben. Nürnberger hat übrigens zusammen mit Kribben und anderen Forschern bereits im Januar 2009 eine Kasuistik im „NEJM“  zu einer jungen Frau veröffentlicht, die nach Nierentransplantationen mehrfach ein so genanntes atypisches Hus entwickelte, das nach Angaben der Autoren immer in einem Zusammenhang mit der Gabe von Tacrolimus stand. Da ein wiederholtes atypisches Hus bei über 90 Prozent der Patienten mit Spenderorgan zur Transplantat-Abstoßung führt und weil sich bei der Frau die Nierenfunktion trotz Plasmaaustausch verschlechterte, entschlossen sich die Kollegen damals zur einmaligen Therapie mit 600 mg Eculizumab. Danach habe sich die Organfunktion verbessert, berichteten Nürnberger und seine Kollegen.

Präsident der Nephrologen-Gesellschaft warnt vor übertriebenem Optimismus

Auch Rolf Stahl vom Klinikum in Hamburg-Eppendorf sowie sein professoraler Kollege Reinhard Brunkhorst von der MHH behandeln derzeit Hus-Patienten mit dem monoklonalen Antikörper, den der Hersteller Alexion laut „Nature“  unentgeltlich zur Verfügung stellt. Stahl und Brunkhorst, Präsident der deutschen Nephrologen-Gesellschaft, er arbeiten derzeit auch ein Notfall-Strategie zur Therapie mit Eculizumab, nach der dann alle Kliniken in Deutschland vorgehen könnten. Brunkhorst und seinTeam behandeln derzeit acht Patienten mit dem Antikörper. Es wird erwartet, dass weitere Nephrologen in weiteren Kliniken folgen werden. „Wir wollen nicht zu optimistisch sein, wir haben noch zu wenige Erfahrungen mit dem Präparat und wissen nicht, wie effektiv es sein wird“, wird Brunkhorst in der britischen Fachzeitschrift zitiert. Unsicher ist zum Beispiel unter anderem, ob der Antikörper bereits in einem frühen Stadium des Nierenversagens verabreicht werden sollte oder erst, wenn sich neurologische Symptome entwickeln. Insofern ist die jetzige experimentelle Notfall-Therapie auch eine äußerst intensive Lernphase für die behandelnden Kollegen.

PS. Derzeit sind mehrere Substanzen, die ähnlich wie Eculizumab das Komplementsystem hemmen, in der frühen Phase der klinischen Entwicklung („Molecular Immunology“).  Für die aktuelle Situation hat dies natürlich keinerlei Bedeutung.

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