Alzheimer-Frühdiagnose: PET-Studie wirklich ein „wichtiger Schritt“?

Leipziger Wissenschaftlern sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Früherkennung der Alzheimer-Demenz gelungen, heißt es in einer Agenturmeldung und Mitteilung der Universität Leipzig.

Anlass ist eine PET-Multizenterstudie der Phase 2,  die im Mai im „Lancet Neurology“ erschien, vom Unternehmen „Bayer Schering Pharma“ finanziert  und den Leipziger Forschern geleitet wurde. Das pharmazeutische Unternehmen ist Hersteller des in der Studie verwendeten radioaktiven PET-Tracer Florbetaben (F-18), mit dem fibrilläres Beta-Amyloid in der Hirnrinde sichtbar nachgewiesen werden kann.

„Die Erkenntnisse der Studie bedeuten eine gravierende Verbesserung bei der Alzheimer-Diagnostik“, wird Professor Dr. Osama Sabri, Direktor der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Leipzig und Leiter der klinischen Prüfung in der Pressemitteilung zitiert. Die große Hoffnung ist, die Alzheimer-Krankheit in Zukunft klinisch sicher diagnostizieren zu können, bevor Symptome auftreten. „Das wäre eine wirkliche Revolution in der Alzheimer-Diagnostik“, sagt Privatdozent Dr. Henryk Barthel von der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin an der Universität Leipzig, Erstautor der Veröffentlichung. Die noch größere Hoffnung ist selbstverständlich die, der Krankheit und den klinischen Symptome sicher vorbeugen zu können.

Diagnostiziert wird die Alzheimer-Demenz derzeit mit einer Kombination von klinischen Tests, bildgebenden Verfahren (MRT) und ev. Biomarkern, wodurch auch eine Differenzialdiagnose der unterschiedlichen Demenz-Formen möglich ist („Der Nervenarzt“ 2011).

Die Alzheimer-Demenz ist mit einem Anteil von über 60 Prozent allerdings die häufigste Demenz-Form. Die unstreitig sicherste Diagnose-Methode ist selbstverständlich die histologische nach dem Tod des Patienten. Auch das Prädemenz-Stadium der leichten kognitiven Einschränkungen (mild cognitive impairment, MCI) ist heute nach Angaben der Psychiater Hermann-Josef Gertz von der Universität Leipzig und Alexander Kurz von der TU München durch eine Kombination psychometrischer Tests, bildgebender Verfahren und Biomarker relativ sicher zu erkennen. Nach Untersuchungen des Bonner Psychiaters Frank Jessen kann  – ohne jeden technischen Aufwand übrigens – mit einer Kombination anamnestischer Angaben und einfacher Tests das Auftreten der Demenz sogar schon vor dem MCI-Stadium relativ sicher eingeschätzt werden. Jessen hat zusammen mit seinem Mitarbeitern sogar einen praxistauglichen Score entwickelt und die Ergebnisse dazu kürzlich in der Zeitschrift „PlosOne“ publiziert.

Teilgenommen haben an der aktuellen Phase-2-Studie 81 Patienten mit Verdacht auf Morbus-Alzheimer (MMS 18 bis 26, CDR 0,5 bis 2,0) und 69 mental gesunde Menschen. Die Studienteilnehmer waren mindestens 55 Jahre alt. Nach Angaben der Autoren konnte mit der PET-Untersuchung recht sicher zwischen den gesunden Studienteilnehmern und den Patienten mit Verdacht auf Alzheimer-Demenz unterschieden werden. Die Sensitivität habe 80 Prozent, die Spezifität 91 Prozent betragen. Das Verfahren könne daher als eine mögliche zusätzliche bildgebende Methode in der Demenz-Diagnostik verwendet werden, so die korrekte Schlussfolgerungen der Autoren. Dass die PET in recht frühen Stadien der Alzheimer-Krankheit diagnostische Informationen liefern, haben auch Studien gezeigt, die erst vor wenigen Tagen beim Kongress der US-Nuklearmediziner-Gesellschaft in San Antonio präsentiert wurden.  „Bei Patienten mit bereits messbaren kognitiven Defiziten ist die PET die beste Methode, um eine Progression vorherzusagen“, wird zum Beispiel Professor Christopher Rowe in einer Mitteilung der Gesellschaft zitiert. Der australische Nuklearmediziner leitet die so genannte „Australian Imaging, Biomarkers and Lifestyle“-Studie. Nach seiner Ansicht werde die PET sogar bald für den klinischen Alltag verfügbar seien.

Fazit: Die PET-Studie der Leipziger Forscher ist unstreitig wissenschaftlich interessant, aber aufgrund des enormen technischen und finanziellen Aufwands der Positronen-Emissionstomographie und ihrer geringen Verfügbarkeit für den klinischen Alltag ist die Methode für den klinischen Alltag derzeit ohne Bedeutung. Zudem sind viele Fragen noch völlig ungeklärt. So ist es  Konsens, dass Amyloid-Ablagerung für die Alzheimer-Erkrankung „notwendig“ sind. Es spricht aber einiges dafür, dass das Amyloid allein nicht ausreicht, um zu klinischen Symptomen zu führen. Mit dem PET-Tracer wird außerdem fibrilläres Amyloid dargestellt. Geschädigt werden die neuronalen Synapsen beim Morbus Alzheimer aber durch Amyloid-Oligomere. Völlig unklar ist, wie viele der Personen, bei denen Amyloid in der Hirnrinde nachweisbar ist, tatsächlich eine Demenz entwickeln. Der Anteil der Patienten mit MCI, die eine Alzheimer-Demenz bekommen, wird meist mit 10 bis 15 Prozent angegeben. Eine der zentralen Fragen ist zudem, welche Schlussfolgerungen, etwa therapeutische, derzeit aus einer sehr frühen Diagnose gezogen werden sollten und könnten.

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