Psychopharmaka besser als ihr Ruf?

In der Öffentlichkeit herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber der Wirkung von Psychopharmaka. Immer wieder werden Studien veröffentlicht, die den Nutzen der Medikamente in Frage stellen. Häufig seien sie kaum sinnvoller als Placebos. Professor Stefan Leucht (TU München) konnte mit einer Datenanalyse belegen, dass die Wirkung von Psychopharmaka derer von Arzneien anderer Disziplinen nicht nachsteht („British Journal of Psychiatry“).

Für die Studie werteten Leucht und sein Team  94  Metaanalysen aus – und zwar zu 16 Medikamenten aus der Psychiatrie aus und zu 48 Arzneimitteln aus anderen Fachbereichen. Zur Untersuchung zogen sie drei Vergleichskriterien heran: die absoluten Effektraten, also welcher Prozentsatz der Studienteilnehmer profitierte, die Numbers Needed to Treat (NNT), die Anzahl der Patienten, die behandelt werden müssen, damit bei einem die gewünschte Wirkung auftritt, sowie die Effektstärke. Eine Effektstärke von 0,2 gilt als gering, 0,5 weist auf einen mittleren Therapieeffekt hin, ab 0,8 ist die Wirkung hoch.

Antidepressiva schnitten in der Akuttherapie mit einer Effektstärke von 0,3 und einer NNT von 7 bis 10 tatsächlich etwas schlechter ab, doch bei der Erhaltungstherapie erzielten sie mit einer NNT von 4 bis 5 relativ gute Ergebnisse – besser als manche etablierte kardiovaskuläre Therapien. So ist etwa bei einer Thrombolyse eine NNT von 20 nötig, um Tod oder Unselbständigkeit zu vermeiden. Insgesamt konnten Leucht und Kollegen eine vergleichbare Streuung bei der Effektstärke von Psychopharmaka nachweisen wie bei Medikamenten in anderen Disziplinen.

Leucht hat – zusammen mit zwei US-Kollegen – erst kürzlich auch in einem Beitrag für eine andere Fachzeitschrift  das Thema „Wirksamkeit von Psychopharmaka“ diskutiert. Fazit von Leucht und seinen Kollegen:

  • „Vor dem Hintergrund relativ kleiner Effektstärken gibt es unserer Meinung nach in der Psychiatrie sowohl eine Übermedikalisierung als auch eine medikamentöse Unterbehandlung. Übermedikalisierung deshalb, weil Psychopharmaka oft zu „reflexhaft“ verschrieben werden. Unterbehandlung deshalb, weil es gut belegt ist, dass z. B. depressive Störungen oftmals nicht erkannt und behandelt werden.
  • Psychopharmaka sind wirksam und oftmals unerlässlich, sie müssen aber rational und maßvoll eingesetzt werden.
  • Ein Vorteil der Psychiatrie besteht im Vergleich zu vielen anderen Fachrichtungen darin, dass mit der Psychotherapie eine weitere Behandlungsform verfügbar ist, deren Kombination mit der Psychopharmakologie oftmals die besten Ergebnisse ergibt.“

 

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