Erst „Big Pharma“, jetzt „Big Food“

Es wird auch Zeit: Die global agierende Lebensmittelindustrie und ihre Bedeutung für die Gesundheit der Weltbevölkerung sollen mehr in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Die ist ein Hauptziel einer bemerkenswerten Serie von Beiträgen zu diesem Thema, die jetzt von der Open-Access-Zeitschrift „PLoSMedicine“  gestartet worden ist.

Gründe dafür, sich intensiver als bisher mit „Big Food“ zu befassen, gibt es einige. Rund eine Milliarde Menschen litten Hunger, zwei Milliarden seien hingegen übergewichtig, schreiben die Wissenschaftler David Stuckler undf Marion Nestle in einem einleitenden Essay zu der Serie. Eine Ursache dafür, dass Mangel- und Fehlernährung so verbreitet seien, ist laut Stuckler und Nestle, dass die stärkste bewegende Kraft eben Profit sei und nicht das Bedürfnis, gesundheitlich optimale Lebensmittel zu produzieren.

Beherrscht werde der weltweite Markt von wenigen multinationalen Konzernen, etwa Coca-Cola, Pepsi-Cola oder auch dem Schweizer Konzern Nestlé, die ihre enorme wirtschaftliche Macht selbstverständlich politisch nutzen. Sie können sich teure „Experten“ leisten, wissenschaftliche Studien mit den erhofften Ergebnissen finanzieren, sich politische Entscheidungsträger wohlgesonnen machen. Sie haben also auch enorme politische Macht, mit der sie wiederum ihre wirtschaftliche Macht zu steigern versuchen. Die „Parallelen“ zur Tabakindustrie und zu „Big Pharma“ sind unübersehbar.

Es werde daher in der Tat Zeit, dass „Big Food“ und seine Bedeutung und damit Verantwortung für die Gesundheit der Weltbevölkerung genauer unter die Lupe genommen werden. Entwicklungen wie die rasante Zunahme der Zahl übergewichtiger Menschen sowie der assoziierten Krankheiten dürften nicht weiter als primär individuelle Verhaltensprobleme, als „persönliche Lifestyle“-Folgen betrachtet und diskutiert werden, weder in der Medizin noch in der Politik, argumentieren Stuckler und Nestle.

Ein ganz gewichtiger Grund dafür, sich des Themas intensiv anzunehmen, ist nach Angaben der Essayisten, dass die multinationalen Lebensmittelkonzerne verstärkt in die Märkte der Entwicklungsländer drängen, da hier inzwischen die Chancen auf Umsatz und Gewinn deutlich größer seien als in den – im mehrfachen Wortsinne – gesättigten wohlhabenden Ländern. Die Folgen dieses Trends sind klar: So genannte „Wohlstandskrankheiten“ werden zunehmend zu einem Problem auch in armen Ländern. Lokale Strukturen und Lebensmittelproduzenten werden zerstört oder aufgekauft.

PS. Marion Nestle hat nichts mit dem Schweizer Konzern Nestlé zu tun. Sie ist Professorin an der „New York University“ und an der „Cornell University“ und beschäftigt sich seit mehreren Jahren  mit der Bedeutung und der Macht der global agierenden Lebensmittelindustrie.

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