Neue Studien bestätigen: Auch Übergewichtige können gesund und fit sein

Auch übergewichtige und adipöse Menschen können einen normalen Stoffwechsel haben und fit sein; Übergewicht geht nicht zwangsläufig mit einer schlechteren Prognose einher, bestätigen nun zwei weitere große Studien, die gerade online im  „European Heart Journal“ erschienen sind. Die eine Studie zeigt, dass ein Teil der übergewichtigen und adipösen Menschen weder Bluthochdruck hat noch Diabetes mellitus und erhöhte Cholesterinwerte – und zudem kardiopulmonal vergleichsweise fit sei, berichten Dr. Francisco Ortega (Universität von Granada) und seine Mitarbeiter.

Für die Studie unter Leitung von Professor Steven Blair (Universität von Süd-Carolina) sind die Daten von 43 265 übergewichtigen oder adipösen Personen ausgewertet worden, die zwischen 1979 und 2003 an einer Langzeitstudie (ACLS: „Aerobics Center Longitudinal Study“) teilnahmen. Kriterium für die Aufnahme war ein Körperfett-Anteil der Männer von mindestens 25 und der Frauen von mindestens 30 Prozent. Die Daten wurden per Fragebögen und klinischer sowie laborchemischer Untersuchungen erhoben. Die kardiopulmonale Leistungsfähigkeit wurde mit Ergometertests ermittelt.

Laut Ortega wurden 46 Prozent der Studienteilnehmer als metabolisch gesund eingestuft. Als metabolisch gesund galt ein Teilnehmer, wenn er höchstens ein Kriterium für ein metabolisches Syndrom erfüllte. Die statistische Auswertung ergab bei diesen Probanden ein signifikant niedrigeres Gesamtsterbe-Risko (minus 38 Prozent). Auch das Risiko für die Entwicklung einer kardiovaskulären Erkrankung oder eines Herzkreislauf-Todes war bei ihnen signifikant geringer (minus 30 bis minus 50 Prozent) als bei den Übergewichtigen mit gestörtem Stoffwechsel. Wenn die Probanden metabolisch gesund waren, spielte laut Ortega das Gewicht bzw. der Körperfett-Anteil keine Rolle für die Prognose.

Die zweite Studiefür die schwedische Register-Daten von über 64 000 Patienten mit akuten Koronar-Syndromen (instabile Angina pectoris, Herzinfark)  ausgewertet wurden, ergab unter anderem, dass Patienten mit einem BMI von unter 18,5 das größte Mortalitätsrisiko hatten; laut Studienleiter Dr. Oskar Angerås (Universität von Göteburg)     ergaben die Berechnungen bei diesen Patienten im Vergleich zu Normalgewichtigen (BMI 21 bis 23,5) ein um den Faktor 2 erhöhtes Sterberisiko. Prognostisch am besten schnitten Patienten mit einem BMI zwischen 26,5 und 28 ab. Ihr Mortalitätsrisiko war 1/3 so groß wie das der Untergewichtigen (BMI unter 18,5). Insgesamt bestätigte die Analyse den bekannten U-förmigen Zusammenhang zwischen Sterberisiko und BMI: Die schlechteste Prognose hatten die stark untergewichtigen und die sehr adipösen Patienten (BMI über 40). Die Studie zeige, dass bei chronisch Kranken mit einem BMI über 40 eine Reduktion des Gewichts eher schädlich sei als nützlich, so eine Schlussfolgerung in einem Kommentar zu den beiden Studien..

Ob solche Erkenntnisse die Stigmatisierung übergewichtiger und adipöser Menschen mindern werden, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Erst kürzlich meldeten Tübinger Wissenschaftler, dass stark übergewichtige Personen bei Personalentscheidern keine guten Karten hätten. Zu diesem Ergebnis kam eine experimentelle Studie über Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen. Geleitete wurde die Studie von  dem Sportwissenschaftler Professor Ansgar Thiel und dem Psychosomatiker Professor Stephan Zipfel von der Universität Tübingen. Die Wissenschaftler hatten bei einem Experiment gemeinsam mit Dr. Katrin Giel und Manuela Alizadeh 127 erfahrene Personalentscheider befragt. Die Studie wurde im Fachjournal „BMC Public Health“ veröffentlicht.

Für die Tübinger Wissenschaftler sind die Ergebnisse ein klares Signal, dass nicht nur der Kampf gegen die Adipositas selbst stärker gefördert werden muss, sondern auch die Entwicklung von Maßnahmen gegen die Stigmatisierung adipöser Menschen. Ein erster Schritt sei, in Bewerbungsverfahren – ähnlich wie im angloamerikanischen Raum längst üblich ‒ auf Fotomaterial zu verzichten, um die Chancengleichheit zu wahren. „Sonst“, so Thiel, „ist für stark Übergewichtige das Verfahren möglicherweise schon zu Ende, bevor es richtig angefangen hat“.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s