Alzheimer-Prävention: kein Wirksamkeits-Beweis für Ginkgo biloba

Ob Ginkgo biloba vor Morbus Alzheimer schützt, bleibt weiterhin relativ unklar: In der heute in „Lancet Neurology“ veröffentlichten französischen Studie GuidAge wurde bei kognitiv Gesunden kein signifikanter Effekt auf den primären Endpunkt Alzheimer-Inzidenz belegt. Subgruppen-Analysen zeigten jedoch eine deutliche Risikoreduktion bei mindestens vierjähriger Einnahme von täglich 240 mg des Spezialextraktes EGb 761. Dieses positive Subgruppen-Resultat sollte nach Ansicht der Autoren um Professor Bruno Vellas (Universität Toulouse) aber zurückhaltend interpretiert werden. Insgesamt habe die Studie ohnehin einige methodische Schwächen, so dass die Frage, ob der Spezialextrakt zur Alzheimer-Prävention geeignet sei, nicht abschließend zu beantworten sei. Deutlich kritischer sieht dies der US-Kollege Professor Lon Schneider (Universität von Südkalifornien in Los Angeles) in seinem Kommentar zu der Studie.

Das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe hingegen verweist auf die Fülle an positiven experimentellen und klinischen Daten zu dem Spezialextrakt. „Die Wirksamkeit des Ginkgo-Spezialextrakts bei bestehenden geistigen Leistungseinbußen ist durch zahlreiche Studien belegt“, so Geschäftsführer Professor Michael Habs heute in einer Stellungnahme.  Und: „Auch wenn die GuidAge-Studie aus methodischen Gründen noch keinen Wirksamkeitsnachweis für eine umfassende Alzheimer-Prävention erbracht hat, ermutigen uns die sehr positiven Signale, den Nutzen von EGb 761 bei ersten Gedächtnisstörungen weiter zu erforschen.“

In der Studie erhielten über 2800 mindestens 70-Jährige Personen mit Gedächtnisbeschwerden für fünf Jahre täglich entweder 240 mg des Phytopharmakons (n = 1406) oder ein Placebo (n = 1414). Daten der Multizenter-Studie wurden bereits vor zwei Jahren veröffentlicht, allerdings nur in einer Pressemitteilung des Unternehmens Ipsen Pharma, das die Studie finanziert hatte.

Ergebnisse: Nach fünf Jahren wurde bei 61 Patienten der Verum-Gruppe (4,3 Prozent) und bei 73 Patienten der Placebo-Gruppe (5,2 Prozent) die Diagnose einer möglichen Alzheimer-Erkrankung gestellt. Bezogen auf 100 Personen-Jahre gab es 1,2 Alzheimer-Diagnosen in der Verum-Gruppe und 1,4 in der Placebo-Gruppe. Beim primären Endpunkt wurde demzufolge kein signifikanter Unterschied festgestellt. Hinsichtlich der Verträglichkeit gab es ebenfalls keine relevanten Unterschiede. Signifikante Unterschiede zwischen Verum und Placebo gab es in Subgruppen – insbesondere bei Patienten, die das Phytopharmakon mindestens vier Jahre eingenommen hatten. Hier ergab die statistische Berechnung eine Risikoreduktion um fast 50 Prozent.

Laut Vellas und seinen Mitarbeitern hat die Präventionsstudie jedoch methodische Probleme, die ihre Aussagekraft einschränken: So war die Gesamtzahl der Alzheimer-Erkrankten unerwartet gering. Von den 2820 auswertbaren Studienteilnehmern, die ihrem Hausarzt gegenüber spontan Gedächtnisprobleme beklagt hatten, schieden rund 30 Prozent vorzeitig aus der Studie aus (367 in der Verum- und 369 in der Placebo-Gruppe). Die Alzheimer-Erkrankungsrate in der Gesamtgruppe lag darüber hinaus mit knapp fünf Prozent deutlich unter den fast 14 Prozent, die bei der Planung der Studie vorausgesetzt wurde. Folge ist, dass die Studie für einen statistischen Wirksamkeit-Beweis nicht stark genug war (im Jargon der Statistiker also „underpowered“).

Die geringe Alzheimer-Inzidenz ist nach Angaben der Autoren möglicherweise eine Folge der Tatsache, dass ein Großteil der Studienteilnehmer einen vergleichsweise hohen Bildungsgrad hatte und zudem in einem guten Gesundheitszustand war. Die Studienpopulation war demzufolge möglicherweise nicht repräsentativ. Dies ist laut Vellas ein grundsätzliches Problem bei solchen Alzheimer-Präventionsstudien: Personen, die an solchen Studien teilnähmen, seien oft eine „Positiv-Auswahl“.

Aufgrund der insgesamt geringen Alzheimer-Inzidenz sollte auch das statistisch signifikante Resultat einer Subgruppen-Analyse bei Personen mit mindestens vierjähriger Verum-Einnahme nicht überbewertet werden. Nach Ansicht von Schneider handelt es sich hierbei keineswegs um einen Effekt des Phytopharmakons. Der Unterschied sei allein eine Folge der Tatsache, dass innerhalb von drei Monaten gegen Ende der Studie die Alzheimer-Inzidenz unter Placebo unerwartet und drastisch gestiegen sei.

Das Ergebnis der GuidAge-Studie und auch ihre methodischen Probleme erinnern stark an eine weitere große Ginkgo-Studie, und zwar an die so genannte GEM-Studie („JAMA“). Ginkgo biloba (Tebonin) könne den geistigen Abbau im Alter nicht stoppen, hieß es damals. Bei den Ende 2009 vorgelegten Studiendaten handelte es sich um die Ergebnisse einer Subanalyse der GEM-Studie an sechs US-Zentren. Die Ergebnisse zum primären Endpunkt, der Vermeidung einer Alzheimer-Demenz, waren ebenfalls im „JAMA“ publiziert worden. Geprüft wurde, ob Ginkgo biloba einen Morbus Alzheimer verhindern kann. Untersucht wurde dies bei 3069 Personen von 72 bis 96 Jahren. Das Durchschnittsalter betrug knapp 80 Jahre. Hauptergebnis war, dass der Extrakt im Vergleich zu Placebo während der mittleren Beobachtungszeit von sechs Jahren das Auftreten einer Alzheimer-Demenz nicht verhindern konnte.

Ende 2009 wurden dann die  Daten zum Rückgang der mentalen Leistungen unterhalb der Schwelle zur Alzheimer-Demenz vorgelegt. Dies war ein vor Studienbeginn festgelegter sekundärer Endpunkt. Laut Studienautor Beth Snitz von der Universität Pittsburgh wurden auch bei diesem sekundären Endpunkt keine positiven Wirkungen des Extraktes gefunden. Ein Problem der Studie war allerdings, dass rund 40 Prozent der Patienten nicht ausreichend therapietreu waren, also ihre Medikation nicht, wie notwendig, über den gesamten Zeitraum einnahmen. Zum anderen wurden in den ersten vier der sechs Studienjahre Demenztests angewendet, von denen mangels Studien unklar ist, ob sie überhaupt geeignet sind, den sekundären Endpunkt „Rückgang der kognitiven Leistungsfähigkeit“ bei Gesunden oder nur mental nur leicht eingeschränkten Menschen exakt zu erfassen. Die GEM-Autoren selbst wiesen auf diesen methodischen Schwachpunkt hin.

Darüber hinaus kam es in der Substudie selbst bei den Patienten der Placebo-Gruppe kaum zu einem kognitiven Abbau. Selbst das wirksamste Medikament kann aber eine Ereignisrate oder ein Risiko von fast null Prozent nicht weiter senken. Die Studie hätte demzufolge länger laufen müssen.  Auch sie war für diese Fragestellung „underpowered“. Außerdem waren auch in die GEM-Studie überdurchschnittlich gut gebildete Probanden aufgenommen worden. Aufgrund des hohen Alters, der hohen Bildung und der geringen Konversionsrate zur Demenz und dem fast völlig ausbleibenden kognitiven Abbau stellte sich insgesamt die Frage, wie aussagekräftig die Daten zum sekundären Endpunkt waren. Die Autoren hatten selbst auch auf diesen Schwachpunkt der eingeschränkten Repräsentativität hingewiesen.

 

 

 

 

 

 

 

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