„Big Pharma“, Kant und die Macht des Vorurteils

Ärzte haben offenbar kein Vertrauen in Arzneimittel-Studien, die von der Pharmaindustrie finanziert worden sind – und zwar unabhängig von der wissenschaftlichen Qualität der Studien. Ist der Sponsor hingegen eine als seriös und unabhängig geltende Institution, ist das Vertrauen groß, auch bei Studien geringer Qualität. Ergeben hat dies eine jetzt im „New England Journal of Medicine“ publizierte Untersuchung von Wissenschaftlern um Dr. Aaron S. Kesselheim von der „Harvard Medical School“ in Boston. Die Studie wurde übrigens nicht von einem Arzneimittelhersteller finanziert, sondern – unter anderen – von der Harvard-Universität und dem „National Cancer Institute“ (siehe auch Offenlegung der möglichen Interessenkonflikte)..

Kesselheim und seine Kollegen haben 503 Internisten per Fragebögen um eine Beurteilung fiktiver Arzneimittel-Studien mit drei fiktiven Wirkstoffen gebeten. Für das Ausfüllen der Fragebögen erhielten die Kollegen 50 US-Dollar. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen nahm teil (n = 269; 53,5 Prozent). Das Durchschnittsalter betrug 48 Jahre, mehr als zwei Drittel waren Männer.

Zur Beurteilung wurden den Kollegen Abstracts von fiktiven Studien zu drei fiktiven Wirkstoffen (Lampytinib, Bondaglutaraz und Provasinab) vorgelegt. Zu jedem Präparat gab es drei Abstracts zu qualitativ unterschiedlichen Studien (niedrige, mittelmäßige und hohe Qualität) und zu jedem Abstract Informationen zur Finanzierung  (Arzneimittelhersteller, die „National Institutes of Health“ und keine Angabe). Insgesamt waren es 27 Abstracts, wobei jeder Teilnehmer drei Abstracts bewerten sollte (jeweils zu einem anderen Präparat). Die 12 aufgeführten Arzneimittel-Unternehmen wurden aus einer Liste der 20 großen Hersteller ausgewählt. Als qualitativ hochwertig galten Studien, die folgende Kriterien erfüllten:

  • Randomisiert
  • Doppelblind
  • Vergleich des Verum-Präparats mit einem aktiven Wirkstoff
  • Rate der Studien-Abbrecher unter neun Prozent
  • Zahl der Patienten mindestens 5322
  • Therapiedauer mindestens drei Jahre und belegte Sicherheit des Wirkstoffes
  • Die Studien-Population musste der Patienten-Population entsprechen, für die das Präparat vorgesehen war. Wenn es sich also um Patienten handelte, die in der Realität im Mittel 65 Jahre alt sind, durfte das Durchschnittsalter der Patienten in den fiktiven Studien nicht 35 Jahre betragen.

Mit Hilfe von Skalen (1 bis 7) sollten die Kollegen angeben,

  • wie wahrscheinlich es ist, dass sie das fiktive neue Präparat verschreiben werden (1 = sehr unwahrscheinlich, 7 = sehr wahrscheinlich
  • wie gut die Studie ihrer Ansicht nach ist und
  • wie glaubwürdig ihrer Meinung nach die Schlussfolgerungen der Autoren sind.

Außerdem wurden sie nach ihrer Meinung dazu gefragt, ob die Finanzierung von Arzneimittel-Studien durch Pharmafirmen Ergebnisse begünstige die das geprüfte Präparat in einem positiven Licht erscheinen lasse.

Laut Kesselheim und seinen Kollegen beurteilten die Studienteilnehmer die Studien-Qualität überwiegend korrekt. Eine hohe Korrelation gab es außerdem zwischen dem jeweiligen Urteil über die Studien-Qualität und dem Vertrauen: Je höher die Qualitativ nach Ansicht der Kollegen war, desto größer war ihr Vertrauen (und je schlechter, desto geringer).

Bemerkenswert war vor allem, dass die Qualitäts-Urteile von der Information zur Finanzierung beeinflusst wurde: Pharma-finanzierte Studien wurden als qualitativ schlechter eingestuft als Studien, bei denen kein Sponsor genannt wurde. Und selbst bei objektiv hochwertigen Studien sank das Vertrauen, wenn die Teilnehmer erfuhren, dass ein Arzneimittel-Hersteller die Studie finanziert hatte. Untersuchungen, die von US-Staat („National Institutes of Health“) finanziert wurden oder bei denen kein Sponsor angegeben war, galten – unabhängig von der Qualität – als glaubwürdiger. Darüber hinaus war auch die Bereitschaft der Kollegen geringer, von der Industrie finanzierte Studien komplett zu lesen. Zudem war bei den jüngeren Kollegen die  Skepsis gegenüber den Pharma-Studien größer als bei den älteren.

Kurzum: Die Arbeit der Harvard-Wissenschaftler bestätigt, dass die Pharma-Industrie ein Image-Problem hat. Das kommt bekanntlich nicht von ungefähr. Dieses Image hat sich so manche Firma durch harte Arbeit wahrlich selbst eingebrockt. Die Frage ist nun, was tun, um das ramponierte Image zum Glänzen zu bringen? Natürlich gibt es – theoretisch – mehrere Optionen, etwa:

  • sich stets um sehr hohe Qualität und Transparenz zu bemühen
  • sich in der Regel zu bemühen, aber ab und zu ein Auge zuzudrücken
  • so zu tun als ob, aber in Wirklichkeit…. und
  • nach dem Motto zu agieren „ist der Ruf erst ramponiert…“.

Sinnvoll und akzeptabel ist auf Dauer wahrscheinlich nur die erste Option. Auch kleinere „Schweinereien“ können ans Tageslicht kommen und dann teuer werden. Allerdings sollte auch die „Frustrations-Resistenz“ der Firmen nicht überstrapaziert werden. Soll heißen: Studien sollten allein nach ihrer Qualität beurteilt werden. Das ist auch genau das, was die Autoren der aktuellen Studie und auch der Kommentator  im „NEJM“ empfehlen. Anders formuliert: An der Aussage, dass 3×3=10 sei, sollte man nicht deswegen zweifeln, weil es „Big Pharma“ gesagt hat. Und der Aussage, dass 3×3=9 sei, sollte man nicht schon deswegen glauben, weil sie eine angeblich unabhängige Institution getroffen hat.

PS. Wie lautete 1784 die Antwort des Philosophen Kant auf die Frage, was denn Aufklärung sei?

Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

 

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