Sexuelle Gewalt – ein strategisches Mittel der Kriegsführung

Sexuelle Gewalt wird zunehmend als strategisches Mittel der Kriegführung oder zur systematischen Unterdrückung und Traumatisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen eingesetzt. Das Anwenden sexueller Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in Kriegs- oder Bürgerkriegssituationen sei kein neues Phänomen, sagte laut einer Mitteilung Dr. Johannes Leidinger (LMU, von 2002 bis 2012 Vorstandsmitglied der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“) beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin. Doch das Phänomen habe nach den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien, den Massenvergewaltigungen während des Genozids in Ruanda, in Dafur oder, unverändert anhaltend, in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) eine neue, erschreckende Dimension an Umfang und systematischem Mass an begangenen Grausamkeiten erreicht. Dabei handelt es sich laut Leidinger nicht um „Entgleisungen“ einzelner Soldaten. Man müsse vielmehr annehmen, dass der Einsatz oft brutalster sexueller Gewalt als bewährtes Mittel der Terrorisierung der Bevölkerung von vorgesetzter Stelle (offiziell oder inoffiziell) angeordnet wird.

Zwischen 1,5 und 3 Millionen Frauen oder Mädchen werden jedes Jahr aufgrund von an ihnen begangenen, sexuell motivierten Grausamkeiten getötet. Das Risiko SGBV („sexual gender based violence“) zum Opfer zu fallen, ist für Frauen zwischen dem 15. und dem 44. Lebensjahr grösser als an Krebserkrankungen, bei Verkehrsunfällen, an Malaria oder an unmittelbar kriegsbedingten Verletzungen zusammengerechnet zu sterben. Eine von fünf Frauen weltweit werde in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung oder einer versuchten Vergewaltigung, heißt es in der Mitteilung der Gesellschaft. In manchen Ländern könne dieses Risiko bei 70-80 Prozent liegen.

Zahlreiche nationale und internationale Gesetze und Konventionen verbieten ausdrücklich diese Form der Gewalt und stellen Frauen unter einen besonderen Schutz (angefangen von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, über die Genfer Konventionen und ihren Zusatzprotokollen bis zu den speziellen Vereinbarungen zum Schutz von Frauen und Kindern usw.). Nach den Römischen Statuten des Internationalen Gerichtshofes verletzt der Einsatz von sexueller Gewalt in Kriegs- oder Bürgerkriegssituationen alle vier zu Verhandlung stehenden Mandate (Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen der Aggression).

Die Konsequenzen sexueller Gewaltanwendung sind laut Leidinger vielschichtig. Zum einem werden die betroffenen Frauen schwerst körperlich und seelisch traumatisiert. Es bleibt ein besonders Gefühl von Verletzlichkeit und Hilflosigkeit zurück. Häufig kommt es zu schweren Verletzungen im Unterleib, unter Umständen zu ungewollten Schwangerschaften oder Infektionskrankheiten. Nicht unüblich ist es, dass Vergewaltigungen in Anwesenheit von Ehemann und/oder Kindern stattfinden. Dies zerstört oft das Familiengefüge nachhaltig. So stellt sich die strategische Waffe „Sexuelle Gewalt“ als effektive und weit in die Zukunft reichende, systematische Methode der Zerstörung dar.

Wo liegen die Möglichkeiten der Hilfeleistung aus der Sicht eines Frauenarztes im Rahmen von medizinischen Nothilfeprojekten?

Der besondere Bedarf einer intensiven, langjährigen psychologischen Betreuung für die Opfer sexueller Gewalt steht außer Frage. Einige grosse und kleine Organisationen engagieren sich in diesem Bereich mit intensiver Hilfe für die einzelnen Betroffenen. Die medizinische Akuthilfe einer Katastrophenhilfeorganisation kommt oft über die einmalige Beratung einer Patientin nicht hinaus und kann nur eine „Erste Hilfe“ sein. Bei unter Umständen tausenden von Opfern, angesichts der Scheu, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, und auch Sprachbarrieren gestaltet sich die individuelle Betreuung einzelner Patienten oft als schwierig. Mehrere professionell arbeitende Organisationen haben „Guidelines“ zur Akutbehandlung von Opfern sexueller Gewalt erstellt, beispielsweise „Sexual Violence – Guidelines for Medical and psychosocial Care for Rape Survivors“, MSF 2010 oder „Guidelines for Gender-based Violence Interventions in Humanitarian Settings“, IASC 2005, ebenso wie Publikationen der WHO zu verschiedenen Fragestellungen in diesem Zusammenhang.

Das Schaffen einer sicheren, möglichst persönlichen, vertraulichen und diskreten Atmosphäre mit Empathie für die Patientin, einer einfühlsamen Kommunikation und sensiblen Behandlung seien als Selbstverständlichkeit nicht weiter ausgeführt. Je nach Zeitdauer zwischen etwa zurückliegender Vergewaltigung und Besuch beim Arzt variieren die Behandlungsregime in einzelnen Details.Das Gespräch beginnt mit einer präzisen Aufnahme und Dokumentation der Schilderungen der Patientin. Eine vorsichtige, gleichzeitig gewissenhafte körperliche Untersuchung der Patientin soll auch verdeckte Verletzungen erkennen und zu einer Behandlung führen. Gegebenenfalls sind Schwangerschaftstest und bei nicht zu lange zurückliegender Vergewaltigung Notfallkontrazeption sinnvoll.

Ist eine ungewollte Schwangerschaft bereits eingetreten, muss auch über die Möglichkeiten eines Schwangerschaftsabbruches und und über die Wünsche der Patientin gesprochen werden; es sollte die Bereitstellung dieses Eingriffes angeboten werden. Die medikamentöse Behandlung oder Prophylaxe von STD (sexual transmitted diseases), z.B. Gonorrhoe oder Syphilis o.ä., muss bedacht werden. Eine Impfung gegen Hepatitis B oder Tetanus kann angebracht sein. Für HIV-negative Patientinnen bietet sich gerade in Ländern mit hoher HIV-Prävalenz eine Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) innerhalb der ersten 72 Stunden nach einer Vergewaltigung an, um das mögliche Risiko einer HIV-Transmission deutlich zu reduzieren. Schliesslich sollte zum Abschluss des Besuches ein ärztliches Attest („Medical Certificate“) ausgestellt werden, das die Schilderungen der Patientin festhält, mögliche Verletzungen objektiv beschreibt und Untersuchungsbefunde dokumentiert. Dies kann der Patientin bestätigen, Opfer eines Verbrechens geworden zu sein, soll das Gefühl des Ausgeliefertseins oder gar das Gefühl der Mitschuld mindern und kann unter Umständen in späteren juristischen Auseinandersetzungen herangezogen werden. Die gemeinsame Planung eines Follow-up für die Patientin ist unbedingt wünschenswert.

Die Aufnahme einer längerfristigen, professionellen psycho-sozialen Betreuung der Patientin (und ihrer Angehörigen) übersteigt leider häufig die Möglichkeiten einer medizinischen Nothilfeorganisation. Noch weniger ist eine Einflussnahme auf die negativen sozio-ökonomischen Folgen für die betroffenen Patientinnen, deren Familien und letztlich für gesamte Bevölkerung durch kurzfristige ärztliche Intervention möglich.

Außer auf die unmittelbare, akute medizinische Hilfe für die Hilfebedürftigen wies Leidinger auf die Begriffe „Temoignage“ und „Advocacy“ hin, also auf die Aufgabe, sich innerhalb der eigenen Lebensmöglichkeiten zu engagieren und Sprachrohr zu sein für Menschen, die sonst kein Gehör finden. In grossem Umfang begangene Menschenrechtsverletzungen, gezielte Grausamkeiten an der Zivilbevölkerung, Vertreibung und Unterdrückung soll für die Weltöffentlichkeit publik gemacht werden, um Aktivwerden und Einschreiten der politischen Akteure zu erreichen.

 

 

 

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