Vorerst keine FDA-Zulassung für MS-Präparat Lemtrada

Nach Angaben von Sanofi hat die US-Arzneimittelbehörde die Zulassung von Alemtuzumab (Lemtrada) zur MS-Therapie abgelehnt. In ihrem Schreiben (sog. „complete response letter“) habe die FDA argumentiert, dass die mit dem Zulassungsantrag vorgelegten Studien kein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis belegten, teilt Sanofi mit. Darüber hinaus fordere die FDA kontrollierte Studien mit aktiven Vergleichs-Präparaten. Das französische Pharmaunternehmen will gegen die Entscheidung Einspruch einlegen.

Noch vor wenigen Tagen sah es recht gut für das von Genzyme entwickelte MS-Präparat aus: Mit 14 zu 0 Stimmen votierte das zuständige Beratungsgremium der FDA eindeutig für die Zulassung. Die bestehenden Sicherheits-Bedenken sollten eine Zulassung nicht verhindern, hieß es. Allerdings wurde auch einige Kritik an den Studien-Daten laut. Die beiden relevanten Phase-3-Studien CARE-MS-I und CARE MS-II hätten methodische Schwächen (nicht ausreichend kontrolliert, offenes Design, unzureichende Verblindung). Gleichwohl habe der Hersteller genügend Wirksamkeitsbelege geliefert. Das Sanofi-Präparat sollte, so die Empfehlung der externen FDA-Berater,  im Falle einer Zulassung aber nicht zur Erstlinien-Therapie verwendet werden.

Die positive Empfehlung der externen Berater war durchaus eine Überraschung. Denn FDA-Wissenschaftler hatten zuvor einige Bedenken zur Sicherheit des MS-Präparats geäußert. Der klinische Nutzen von Alemtuzumab müsste schon sehr groß sein, um die Risiken – im Wesentlichen Autoimmun- und Tumor-Erkrankungen – deutlich zu kompensieren und eine Zulassung zu rechtfertigen, hieß es in einem Bericht der FDA im Vorfeld der Sitzung mit den externen Beratern. In der EU wurde Lemtrada – kurz nach Aubagio – vor wenigen Wochen zugelassen. Das „Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose“ (KKNMS) begrüßte diese Entscheidung der Europäischen Arzneimittelkommission (EMA) in einer öffentlichen Stellungnahme.

In den zwei Phase-III-Studien (CARE I und CARE II) habe das Medikament dem direkten Vergleich mit hochdosiertem Interferon-beta standgehalten und sei in den meisten Beobachtungskriterien überlegen gewesen, hieß es. Außerdem: „Dass Alemtuzumab von der EMA für ein relativ breites Therapiespektrum empfohlen wurde, kam für viele von uns überraschend“, erklärte Professor Bernhard Hemmer, Vorstandssprecher des KKNMS. Die Substanz sei zwar deutlich wirksamer als Interferon-beta, greife aber sehr nachhaltig ins Immunsystem ein. „Wir werden daher Alemtuzumab nur dann einsetzen, wenn die sicheren Basistherapeutika versagen oder Patienten von Anfang an hochaktiv sind.“ Hemmer begründet die Haltung des KKNMS damit, dass der langanhaltende Effekt des Präparats den Wechsel auf andere MS-Medikamente erschwere. Darüber hinaus seien bis zu vier Jahre nach der letzten Alemtuzumab-Gabe noch monatliche Kontrolluntersuchungen notwendig, um bestimmte Nebenwirkungen wie antikörpervermittelte Autoimmunerkrankungen sicher auszuschließen. „Andererseits stellt Alemtuzumab eine wichtige Erweiterung unserer Therapiemöglichkeiten dar, die Patienten mit einer hohen Krankheitsaktivität nicht vorenthalten werden sollte, um diese zum Stillstand zu bringen“, so Hemmer weiter.

Alemtuzumab richtet sich gegen das Oberflächenprotein CD52, das auf Zellen des Immunsystems vorkommt. Dadurch werden B- und T-Zellen drastisch reduziert, die vermutlich maßgeblich an der Zerstörung der Myelinscheide von Nervenzellen bei MS beteiligt sind. Patienten bekommen den Wirkstoff in zwei aufeinanderfolgenden, jährlichen Zyklen über anfangs fünf, im Folgejahr über drei Tage in einer Dosis von 12 mg als Infusion verabreicht. Ein dritter Zyklus im Abstand eines weiteren Jahres kann in Erwägung gezogen werden.

In den zulassungsrelevanten Studien CARE-MS-I und CARE-MS-II wurde Alemtuzumab mit Interferon-beta verglichen. Gegenüber Interferon-beta konnte damit das Risiko, einen Schub zu erleiden, in beiden Studien um etwa die Hälfte reduziert werden. Auch entwickelten jene Patienten, die mit Alemtuzumab behandelt wurden, um fast ein Viertel weniger neue oder vergrößerte T2-Läsionen. In CARE-MS-II, nicht aber in CARE-MS-I, wiesen die Forscher zudem eine Verminderung des Risikos fortschreitender Behinderung unter Alemtuzumab um 42 Prozent im Vergleich zur Interferon-beta-Therapie nach.

Häufigste beobachtete Nebenwirkungen sind Infusionsreaktionen (etwa Kopfschmerzen, Übelkeit, Ausschlag etc.) und Infektionen durch Viren aus der Herpes-Gruppe, die durch eine vorbeugende antivirale Behandlung aber weitgehend vermieden werden konnten. Ein größeres Problem sind sekundäre Autoimmunerkrankungen wie Immunthrombozytopenische Purpura (ITP), Nieren- oder Schilddrüsenerkrankungen. Insbesondere die ITP kann bei fehlender Behandlung einen lebensgefährlichen Verlauf nehmen. Konkrete Empfehlungen, wie mit Nebenwirkungen umzugehen ist, sowie generelle Hinweise zur Therapie mit Alemtuzumab können im in Kürze erscheinenden Qualitätshandbuch oder in der App des KKNMS nachgelesen werden.

In Deutschland wird vor allem der Preis des primär als Krebsmittel verwendeten Präparates kritisiert. Über 80 000 Euro für acht Infusionen sind sicher kein Schnäppchen. Aber wenn nur einmal Kosten für acht Infusionen anfielen, könnte sich der hohe Preis insgesamt relativieren. Das ist aber ebenso ungewiss wie das langfristige Nutzen-Risiko-Verhältnis.

 

Weitere Informationen

Alemtuzumab: Evidence for its potential in relapsing–remitting multiple sclerosis.

In: Drug Design, Development and Therapy 2013

 

 

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